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Fazit

Das vermutlich größte Abenteuer unseres Lebens liegt hinter uns. Es war spannend, abwechslungsreich, beeindruckend schön, gesellig, unplanbar, zum Teil strapaziös, zuweilen einfach grässlich und bei besonders viel Wellengang und Kreuzseen im wahrsten Sinne des Wortes zum Kotzen – und nie langweilig! Wir haben viel erlebt und gelernt. Insofern ist die Mission geglückt und wir sind stolz auf uns und das, was wir gemeinsam gemeistert haben. „We did it!“ würde man auf Englisch sagen, was ein gutes Gefühl ist.

Immerhin liegen 12000 Seemeilen in unserem Kielwasser. Los vom holländischen Medemblik in 2017, dann bis Lagos/Portugal, danach die Kanarische Inseln und die Kapverdischen Inseln, schließlich im November 2018  über den Atlantik. 2019 einmal rund Windward Islands und 2020 bis Anguilla im Norden. Hauptsächlich bedingt durch Corona dann aber zurück nach Martinique, von dort über die Azoren nach A Coruna in Galizien, weiter über die Biskaya  und durch den Ärmelkanal ins Ijsselmeer nach Hindeloopen. Das ist viel, aber doch weniger als geplant. Coronavirus, Angelas Operationen, der Tod meiner Eltern, meine Seekrankheit und zum Schluss mein Diabetes lassen uns nun einen Schlussstrich ziehen.

Hindeloopen, ein herrlich warmer Sommerabend
Unsere Route (mit Abstecher per Flugzeug nach Florida)
Vor dem Wind mit 3 Reffs – Kurs West Karibik
Wache schieben
Segeltrimm
Mitten auf dem Atlantik – Begegnung
Vor Anker

Und jetzt? Nachtarocken und in den Sommermonaten hier etwas mit Ithaka herumsegeln ist nicht unsere Art. Eigentlich können wir nur ganz oder gar nicht.

In den letzten Wochen hieß es Ithaka nach der Atlantiktour überholen und alle Wartungsarbeiten erledigen. Putzen, umräumen, hier und da eine Macke ausbessern. Bis auf unsere gebrochene Ruderstange ist nichts kaputt gegangen. Das freut uns, denn offensichtlich waren unsere großen Reparaturen in der Karibik nachhaltig gut und das Schiff hat sehr gut funktioniert. „Also alles richtig gemacht“, sagte Bernd sehr oft. Ithakas Kuchenbude (Cockpitzelt) wird noch an das neue Sprayhood aus der Karibik angepasst, damit sind wir für das Regenwetter hier in den Niederlanden bestens gerüstet. Zwischendurch fahren wir immer mal nach Gütersloh und kümmern uns um die Schwiegermutter, die durchgehend betreut werden muss.

Angela und ich haben viel geredet und jeder für sich hat überlegt, was wir gelernt haben und wie es weitergehen soll. Wir haben mit Freunden diskutiert. Meinungen von Fachleuten eingeholt. Ich musste zwangsweise einen Arzt aufsuchen und mich mit ihm beraten. Dann ist die Entscheidung gefallen: Wir verkaufen Ithaka. Sie ist jetzt in einem sehr guten Zustand, uneingeschränkt funktionstüchtig und hat sich auf dem Atlantik auch in kritischen Situationen letztendlich bestens bewährt. Nach Sichtung der Portale und nach Gesprächen mit Yachtbrokern wurde klar, dass Ithaka eine ganz Reihe von Alleinstellungsmerkmalen hat, wirklich gut erhalten ist und von allen Begutachtern als sehr gut befunden wurde. So wird sie bestimmt schnell einen Käufer finden. Sie ist abfahrtbereit für die Blauwasserrouten. Vielleicht darf sie ja noch einmal auf große Fahrt gehen?!

Nach vielen Überlegungen und Gesprächen meinen wir mittlerweile auch den Grund für den Bruch der Ruderstange auf dem Atlantik gefunden zu haben. Mit größter Wahrscheinlichkeit wurde 2018 beim Einbau der teilweise neuen Ruderanlage die Schubstange leicht gebogen, damit sie leichter eingepasst werden konnte. Ein eklatanter Fehler der Werft in Portugal, denn ein gebogenes Aluminiumrohr verliert mit der Zeit seine Festigkeit. Nach der Reparatur ist die Schubstange jetzt supermassiv und bolzengrade.

Und die anderen vielen Reparaturen in den 2 Jahren? Ja, das war übel, aber ich habe viel gelernt dabei und bin stolz, dass ich das Schiff jetzt in einem deutlich besseren Zustand zurücklassen kann, als ich es damals gekauft habe. Außerdem habe ich so auch Land und Leute kennengelernt, denn ich habe mit netten Menschen und sehr kompetenten Technikern intensiv zusammengearbeitet. Dank an all die hilfreichen Freunde unterwegs, die mir stets mit Rat und Tat zur Seite standen und an die Fachleute Philippe, Gaetan und Serge von Caribe Greement in Martinique, Jack und Noel von Bobby´s Megayard in St. Maarten, Nick und Sim von Spice Marina und Clarkes Court Yard in Grenada. Es war allerdings gar nicht leicht, diese guten Fachleute zu finden.

Jack und Noel (St.Maarten) – Fabelhafte Ingenieure
Montage des neuen stehende Gutes in Martinique
Die Verfugung des Teakdecks wird erneuert

Jetzt haben wir mit De Valk Brokerage und auch Contest Brokerage eine Vereinbarung über den Verkauf von Ithaka geschlossen. Sie kümmern sich um alles und wir sind dabei, Schritt für Schritt unsere persönlichen Sachen von Bord zu räumen. In den nächsten Wochen werden wir noch an Bord wohnen, bis wir dann im Winter zur Schwiegermutter nach Gütersloh umsiedeln.

Und was kommt dann? Wir haben ja noch ein Jahr, bis wir unser Haus in Aschau wieder in Besitz nehmen können. Es gibt wieder eine neue Idee – oder ist es sogar schon ein Plan? Weiterhin wollen wir Neues sehen und erleben und unseren Horizont erweitern. Unser neuer Weg soll uns durch viele Länder Europas führen, auf den Wasserstraßen wohlgemerkt und entlang der Küsten, denn insbesondere Angela wünscht sich Wasser als Grundelement des Reisens. Wie das genau aussehen wird, werden wir noch berichten. Wir arbeiten daran und …. Ja, das eine oder andere geeignete Wasserfahrzeug ist schon ausgemacht!

So blicken wir zurück auf unsere Key Learnings, unser Lernerfahrungen mit Ithaka:

Reiseroute: Die schönsten Reiseabschnitte waren für uns entlang Galizien und der Portugiesischen Küste (Vigo, Porto, Cascais, Lagos), St. Lucia Richtung Süden in den Grenadinen (wild, richtiges Piratenland wie im Film), aber auch Domenica nach Norden bis St.Maarten (von grünem Dschungel in Domenica bis zu mondänen Hotspots in St. Barth oder anderen Ort). Das französische Martinique war der beste Ort für Verpflegung und Yachtreparaturen. Dort gab es fast alles und die Preise waren relativ zum Rest die günstigsten.

Barbuda – Natur pur

Karibik aus dem Bilderbuch – Antigua
Lobster statt auf Tobago Keys
Tolle Ankerbuchten – Marigot Bay in St. Lucia

Zu wenig Zeit hatten wir in der Bretagne und in Galizien, dort ist es wirklich schön, das Essen fabelhaft, Land und Leute interessant. Auch für die Kanarischen Inseln hatten wir zu wenig Zeit, Madeira mussten wir wegen der Reparaturen in Lagos leider ganz streichen.

Der große Schmerzpunkt in der Karibik war natürlich, dass wir die Leeward Islands im Norden Richtung Bahamas nicht erkunden konnten, aber komplizierte Reparaturen in St. Maarten und Covid machten uns einen Strich durch die Rechnung. Das ist wirklich sehr schade.

Land und Leute: Hier könnte man Bücher schreiben. Nur in Kürze: Der Umgang mit den Menschen in der Karibik ist sehr unterschiedlich von Insel zu Insel und jeder empfindet das anders. Wir fanden die Menschen in Grenada besonders freundlich. Entgegenkommend, aber nicht aufdringlich und jederzeit zu einem kleinen Schwätzchen bereit. Die Menschen in Antigua empfanden wir jedoch als verschlossen und abweisend. In Martinique wie in den meisten französischsprachigen Inseln waren alle sehr freundlich, aber man sollte zumindest etwas französisch sprechen, wenn man wie ich einen  2-Takt (!!) Außenbordmotor kaufen möchte.

Grenada
Grenada
Grenada

Freunde: Mit das Beste auf der Langfahrt. Wir haben viele Begegnungen mit Menschen aller Nationen gehabt und sind sehr dankbar dafür. Einige davon wurden richtige Freunde. Das war und ist ein sehr gutes Gefühl und regt zum Denken und Diskutieren an. Die ARC (Atlantic Rally for Cruisers) hat viel beigetragen, damit die Segler zusammenkommen. Das haben sie wirklich gut gemacht. Vermutlich wären wir sonst nicht so schnell mit so vielen Menschen in Kontakt gekommen. Und manche Freundschaften wurden durch die gemeinsamen Erlebnisse so tief verankert, dass sie sicherlich ein Leben lang halten werden. Unsere Erfahrungen: Engländer trinken Bier oder (pinken) Gin Tonic und mögen Fisch immer sehr gut durchgebraten, Wuppertaler lieben deutschen sehr guten Wein und Bier und bevorzugen nur Steaks allererster Qualität und zum Frühstück gebratene Eiernudeln und die Freunde aus der Schweiz lieben trockene südländische Wein in guten Restaurants und essen selbst bei über 30 Grad zum Geburtstag Käsfondue!

The UK guys
Legendärer Abend in A Coruna mit den „Wuppertalern“
Ausgelassen an Sylvester mit den „Schweizern“

Schiff: Wir hatten bei der Wahl unseres Segelschiffes auf eine Contest 50CS gesetzt. Das Schiff hat uns immer das Gefühl der Sicherheit gegeben und sie segelte ausgezeichnet. Schon bei sehr leichten Winden von 6 Knoten kamen wir unter Segel recht schnell vorwärts und auch bei 35 Knoten (Windstärke 8) lief sie stabil und sicher.  Oft war die Freiwache unten im Salon und konnte nicht wirklich beurteilen, wieviel Wind es oben hatte. Erst der Blick auf die Instrumente oder ein Check mit der Crew im Cockpit ließ einem zuweilen den Schauer über den Rücken laufen, wenn man die finsteren Wolkenwalzen hinter dem Schiff sah und erkannte, dass gerade Böen mit deutlich über 30 Knoten auf das Schiff trafen. Angst hatten wir nie, Ithaka vermittelte stets das Gefühl der Sicherheit. Das lag auch daran, dass es kein Knarzen, Knirschen oder irgendwelche Klappergeräusche gab, abgesehen von nicht perfekt verstautem Geschirr in den Schränken. Das Mittelcockpit war zum Segeln ideal, kein Spritzer Wasser von vorne, keine einsteigenden Wellen von hinten. Wir saßen immer trocken, außer bei Regen von hinten (Ärmelkanal).

Ithaka auf den Kapverdischen Inseln mit Kurs Richtung Karibik
Ithaka mit Coppercoat (reinem Kupfer-Unterwasseranstrich) 2018
Wir errichten den besten Weinkeller des Atlantiks

Segel: Wir hatten eine Genua mit 105% Größe und ein Großsegel, beide aus Carbon Cruising Laminat. Eine sehr gute Segelkombination. Die Segel haben gut durchgehalten. Sie stehen heute noch so gut wie bei der Abfahrt und machen das Schiff recht schnell. Ergänzt hatten wir noch eine zu rollende Sturmfock mit nur 23 qm an einem Kutterstag (zweites Vorstag weiter innen). Ebenfalls eine gute Wahl, denn Ithaka muss bereits bei 13 Knoten hoch am Wind gerefft werden und ab dem 3.Reff ist die Genua nicht sehr effizient. Das Sturmsegel macht da jedoch noch richtig Fahrt voraus. Der Gennaker ist aus unserer Sicht unverzichtbar bei Raumschots-Winden, denn Ithaka braucht Kraft in den Wellen. Groß und Genua stören sich bei diesen Kursen, so dass man besser nur eines von beiden voll setzt und das andere sehr klein hält. Der Gennaker ist mit 150 qm gut alleine auf dem Vorschiff zu bändigen und ideal ab 7 Knoten. Er stabilisiert das Boot auch bei Welle sehr effizient. Der Parasailor ist für die lange Vorwindroute bei Winden zwischen 12 und 20 Knoten sicherlich gut. Wir konnten ihn unterwegs leider nur einmal verwenden, weil wir meistens Wind über 25 Knoten hatten. Den Code 0, ein schönes Leichtwindsegel für den Am-Wind-Kurs haben wir auch selten gebraucht, denn wir hatten fast immer stärkere Winde.

Hoch am Wind nach Barbuda
Ithaka mit Genaker
Ithaka mit Parasailor

Wetter: Nichts bildet mehr, als wenn Theorie und Praxis zusammenkommen. Das Wetterrouting von Wetterwelt auf der Rückreise war eine ausgezeichnete Wahl. Wir hatten genaue Ansagen, welches Wetter wir wann zu erwarten hatten. Wir konnten die Wolken, Wind, Wellen und Temperaturentwicklung beobachten. Die Wetterphänomene traten wiederholt auf, so dass wir sozusagen Mutationen der gleichen Wetterentwicklungen studieren konnten. Das schuf zum Schluss eine enorme Sicherheit. Warmfronten, Kaltfronten, Okklusionsfronten, rechts- und linksdrehende Winde, Vor und Rückseitenwetter. Ich denke, diese Kapitel sitzen jetzt dauerhaft im Gehirn. Nicht immer angenehme Lektionen, denn so manche Front sah wirklich furchterregend aus und war auch sehr furchteinflößend, wenn man darin steckte. Das Überspielen der elektronisch übermittelten Wetterdaten auf den Plotter ist auf Langfahrt absolut genial, denn wir konnten die Segeltaktik auf wenige Seemeilen genau auf die Wettercharts abstimmen.

Azoren – Ein Sturmtief zieht vorbei

Essen: Nichts ist so stimmungsbeeinflussend an Bord wie Essen und Trinken. Wir hatten auf der Hinfahrt keine gute Beratung von der ARC für Bevorratung und Auswahl von Lebensmitteln. Zuviel und teilweise auch irgendwie falsche Dinge: Auch das beste Steak und auch bester Seranoschinken schmecken bei starkem Wellengang nicht. Mehr „Mampfkost“ wie Nudeln mit Ei oder Reis mit Gemüse oder Hühnchen ist besser. Nichts darf zu intensiv schmecken, das sage ich als professioneller Seekranker. Aber Achtung, zu viele Kohlehydrate und Zucker tun bei wenig Bewegung dem Körper auch nicht gut. Das lässt den Blutzucker in ungeahnte Höhen schnellen. Alkohol ist in der Tat kein Thema auf See. Das fällt aber ganz leicht, denn ich habe es zusammen mit Bernd ausprobiert: Bier und Wein schmecken auf See einfach bitter und schal. Die Alkoholabstinenz ergibt sich also völlig mühelos. Auch eine Erfahrung.

Tina kocht auf hoher See
ein Knochenjob

Reparaturen: Der Segler repariert sich um die Welt, so steht es überall geschrieben. Wir waren somit gut vorbereitet mit Werkzeugen und Ersatzteilen. Werkzeuge sind das A und O, um sich aus misslichen Lagen selber befreien zu können. Ich hatte vorgesorgt und sogar Angela, die sich im Vorfeld oft kritisch über die zahlreichen teuren und platzfordernden Werkzeuge und Ersatzteile geäußert hatte, war schließlich dankbar und korrigierte ihre Meinung zügig. Wir haben viel davon gebraucht. Ein großes Lob an die spezialisierten Firmen für Generator (Fischer Panda), Propeller (Gori), Wassermacher (Aquatec), sie waren für uns die Besten der Besten in Service und Lieferung von Ersatzteilen. So waren z.B. binnen von nur 4 Tagen nach dem ersten Telefonkontakt die richtigen Ersatzteile in St.Maarten vor Ort. Allerdings würde ich einige europäische Hersteller und Werften am liebsten mit sauren Zitronen bombardieren, vielleicht wachen die ja mal auf und lernen zumindest im Ansatz, was Customer Service bedeutet.

Reparaturen, auch auf hoher See. Aber wir haben alles hinbekommen.
Wir haben es geschafft … Ankunft in Ijmuiden

Dieses „We did it“ ist ein gutes Gefühl und all die Erfahrungen, die jetzt in unserem Rucksack sind, kann uns niemand mehr nehmen. Und es ist besonders schön zu wissen, dass uns wieder neue Erlebnisse und Erfahrungen bevorstehen. Nur anders. Für die Binnenwasserstraßen und Küstengewässers Europas brauchen wir ein solides Motorboot . So werden wir wohl auf die „Dark Side“ wechseln müssen, was für Segler eigentlich ein „No go“ ist. Wir hoffen, dass wir trotzdem auch unsere Segelfreunde noch behalten werden!

Auf Wiedersehen
Christoph und Angela

2 replies »

  1. Danke für das interessante Fazit. Es war immer spannend die Berichte zu lesen.
    Nun hoffe ich auf ein neuen Motorboot Tagebuch in 2021, vielleicht etwas weniger aufregend aber dennoch interessant und anregend.
    Herzliche Grüße von Barbara und Capitän Pierre Buisset

    Liken

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