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Und jetzt?

Jetzt ist es Nacht. Sternenklar. Windstill, was hier höchst ungewöhnlich ist. Der Mond ist halbvoll und beleuchtet die Bucht von Jolly Harbor in Antigua. Stille über der Bucht mit den vielleicht 50 Yachten. Die Ankerlichter auf der Mastspitzen der Boote leuchten wie die Sterne am Himmel. Es ist die erste Nacht nach der von der lokalen Regierung verfügten „24-hours-curfew“. Totale Ausgangssperre. Vollständige Schließung aller Geschäftsaktivitäten. Kein Verlassen von Wohnungen oder Yachten wird geduldet, nicht einmal zum Spazierengehen oder Sport wie bei euch zu Hause. Bei Verstoß drohen saftige Geldstrafen und/oder Gefängnis.

Warum jetzt auch hier, wo die Fallzahlen nicht ansteigen, fragten wir uns. Im Netz lesen wir dann, dass ein beträchtlicher Teil der einheimischen Bevölkerung die Verordnungen zum Versammlungsverbot nicht ernst genommen und z.B. weiterhin Beachpartys und Gottesdienste veranstaltet hat.  Beim Auflösen dieser Versammlungen wurden die Einsatzkräfte zum Teil wüst beschimpft. Jetzt greift die Regierung durch.

Es passt irgendwie nicht. Wir haben herrliches Wetter. Kristallklares Wasser, wir können die Fische um unser Boot herumschwimmen sehen. Mit den anderen Schiffen liegen wir vor Anker, als wäre nichts passiert, als wäre die Welt völlig in Ordnung. Ist sie aber nicht! Mehrmals täglich lesen wir die Nachrichten aus der Heimat, der Welt, von Antigua und den anderen Inseln. Nichts ist in Ordnung. Der Zustand verschärft sich noch. Ein Ende ist nicht absehbar.

Eines unserer Haustiere
Jolly Harbor Bay
Blick von einer Drohne. Ganz unten Ithaka. (picture by SY Flora)

Für uns gilt, dass wir das Schiff nicht mehr verlassen dürfen außer für dringend notwendige Versorgung. Wir dürfen auch unseren Ankerplatz nicht verlassen, höchstens mit wichtigem Grund nach Bewilligung der Küstenwache. Der lokale Supermarkt ist am Vormittag offen, auch die Tankstelle. Besuch der Yachten untereinander ist nicht mehr erlaubt. Die Ausgangssperre gilt zunächst bis zum 10. April. Aktuell berichtet die Regierung von 9 Corvid-19 Infizierten auf der Insel. Das erscheint sehr wenig. Fast zu wenig. Wir fragen uns, ob hier überhaupt Tests stattfinden. Auf den französischen Inseln gibt es weit mehr Infizierte.

Der „Curfew“ wurde knapp zwei Tage vorher angekündigt. Von da ab durften sich im Supermarkt nur noch 20 Leute gleichzeitig aufhalten. Gleich nach dem Bekanntwerden stelle ich mich an, um den Biervorrat aufzustocken und frische Lebensmittel zu bunkern. Ich warte 1,5 Stunden auf den Einlass, am nächsten Tag sind es bis zu vier! Gekauft werden nach meinen Beobachtungen insbesondere Wasser, Fleisch und Alkohol. Letzteres darf laut Dekret während der Ausgangssperre nicht mehr angeboten werden. Klopapier ist noch reichlich da!

Schlange stehen am Supermarkt. Abstandhalten ist hier „unüblich“….

Was machen wir nun? Eigentlich wollten wir mit Tina und Bernd auf der Ithaka zurück nach Europa segeln. Die kleinere Festina Lente sollte hier in Antigua verschifft werden. Jetzt haben sich die Inseln aber rigoros voneinander abgeschottet. Die beiden sitzen auf ihrer Festina in Martinique. Wie kommen wir zueinander? Wir stehen in beständigem Austausch mit Transportfirmen und Hafenmanagern. Abwechselnd werden wir zwischen Hoffnung und Enttäuschung hin und her geworfen. So wie wir eine Lösung erarbeitet haben, zerfällt sie, weil die Behörden immer mehr restriktive Auflagen machen.

Gerade mal wieder ist eine Lösungsmöglichkeit zunichte gemacht worden. Ich bin sauer.

Der deutsche Segelverband warnt vor einer Überquerung des Atlantiks, weil die Aufnahme in den Azoren unklar ist und nur in Deutschland ein Anlanden für deutsche Segler sichergestellt ist. Wow. Das ist Europa? Das bedeutet für uns eine Segelstrecke von fast 4500 Seemeilen oder 5-6 Segelwochen am Stück. Würden tatsächlich Portugal, Spanien oder Frankreich eine Aufnahme verweigern? Wir führen Telefonate und checken die Situation: In der Tat, nach der heutigen Situation würde man uns nicht anlanden lassen. In Portugal wurde unseren Freunden vom Katamaran Mojito auf der Transitroute nach Deutschland selbst das Ankern vor einem Strand untersagt. Sie mussten zurück nach Spanien segeln. Die Azoren würden uns Diesel und Proviant bunkern lassen, aber an Land dürften wir nicht. Bei jedem Wetter? Auch mit Schäden am Schiff? Auch bei gesundheitlichen Problemen?

Wir gehen unsere Optionen immer wieder durch:

Yachtransport: Sauteuer, aber Anfang Mai möglich. Aber wir als Personen würden zunächst nicht zurückkommen, sondern müssten hier auf der Insel unterkommen.

Alleine segeln: Meine verfluchte Seekrankheit bei heftigen Seebedingungen spricht gegen diese Option. Zu zweit segeln ist ein Risiko, wenn einer ausfällt. Selbst zu zweit bedeutet eine so lange Seereise andauernden Schlafmangel und Erschöpfung. Wir bewundern die Crew der „Mal wieder“, die – obwohl auch in unserem Alter – die Überquerung schon zweimal gemacht hat und das mit den heutigen Wettervorhersagen als gar nicht problematisch ansieht. Über mögliche technische Defekte auf unserer Zicke Ithaka mit ihren hoch komplexen technischen Systemen möchte ich gar nicht nachdenken! Man müsste halt eine Bavaria haben, spötteln die Eigner dieses viel kostengünstigeren Schiffstyps immer wieder, denn die haben alle bemerkenswert wenig technische Probleme.

Wir brauchen personelle Unterstützung, das steht fest, aber wen, falls es mit Tina und Bernd wirklich nicht klappt.

Wir fragen in Antigua herum. Eine deutsche Profiskipperin liegt neben uns, winkt aber mit Bedauern ab, da sie doch noch auf die Durchführung ihrer gebuchten Törns hofft. Eine junge holländische Frau aus der Großschifffahrt würde sich anbieten. Sie ist sympathisch und furchtlos, hat aber bis jetzt eher als Schiffsköchin gearbeitet.  

In der Karibik bleiben: Noch einmal ein Sommer in Grenada? Das wäre sehr hart und Ithaka würde in der Hitze vermutlich wieder kaputtgehen. Dürften wir dort überhaupt bis zur Hurrikansaison wieder einreisen? Die Landliegeplätze sind wahrscheinlich bereits ausgebucht. Niederländische Antillen sind ebenfalls dicht. Bekämen wir dort überhaupt einen Liegeplatz an Land? Könnten wir dort vor dem kritischen Versicherungsdatum am 1. Juni einlaufen? Unwahrscheinlich.

Nach USA segeln. USA ist geschlossen für jede Einreise aus Europa, wo wir aber nicht herkämen. Die amerikanischen Jungferninseln kann man momentan wohl noch anlaufen. Aber USA mit ihren vielen CORVID-19 Fällen und ihrem Krisenmanagement? Eher vielleicht doch nicht.

Wir wollen euch aber auch noch Schönes berichten und ein paar schöne Fotos zeigen:

Am vorletzten Nachmittag vor dem Lock Down verbringen wir einen spannenden Nachmittag mit Wiebke und Ralf von der Flora. Sie führen uns ihre Drohne vor und machen tolle Bilder aus der Luft von Ithaka. Vielen Dank hierfür.

Ein beeindruckendes Spielzeug
Wiebke und Ralf: Drohnenexperten
Ithaka von oben. (Picture made by SY Flora)
Ithaka von ganz weit oben (Picture made by SY Flora)

Am letzten Nachmittag noch ein Besuch am Strand. Angela muss noch mal richtig laufen und entschwindet in den Hügeln, während ich das Beiboot samt Motor so gut es geht von Wasser und Sand befreie. Im Anlanden auf dem Strand bei Welle sind wir immer noch nicht besser geworden!

Ein letzter strammer Marsch am Strand
Nochmal fester Boden

Wie geht es hier weiter? Wir werden euch auf dem Laufenden halten. Falls ihr es noch nicht kennt: In die Segler-Whatsapp-Gruppe wurde der Link zu einem italienischen Musikvideo eingestellt, dessen Rechte dem Krankenhaus von Bergamo überschrieben wurden. Es gibt viele Menschen, denen es viel schlechter geht und auch die geben nicht auf!

Hört mal rein: https://youtu.be/D5DhJS5hGWc

Rinascerò, rinascerai.
Quando tutto sarà finito…

Ich werde wiedergeboren, du wirst wiedergeboren.
Wenn einmal alles vorbei ist …

Bis bald. Bleibt gesund!

Christoph und Angela

6 replies »

  1. Gerade als auch wir an Bord der escape wieder einmal diskutiert haben wohin wir denn vielleicht irgendwann weiter segeln können kam Euer neuer Artikel rein😀. Uns beschäftigen eben alle die gleichen Gedanken… Es ist wirklich schwierig. Aber andererseits sagen wir uns immer, dass wir im Vergleich zu dem was viele andere aus zu Hause in Deutschland momentan durchmachen, noch die wenigsten Probleme haben. Lasst uns positiv bleiben und hoffen dass sich irgendwann ein Weg auftut. Liebe Grüße von der escape und passt auf Euch auf😘⛵️

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  2. Unsere Gedanken sind zu dieser Zeit bei euch beiden, es ist schon schlimm genug, da wir in der Wohnung in London festgefahren sind und nicht in der Lage sind, unsere zu fahren. Ich kann mir nur vorstellen, wie es auf dem Boot sein muss, ein Trost, obwohl es wahrscheinlich um 25 °C ist dort und nur 7 °C hier, all unsere Liebe Steve & Helen xxx

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