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Eskalationen

Zunächst scheint endlich etwas Ruhe einzukehren. Angela ist nach der zweiten Bandscheibenoperation und über 2 Wochen Aufenthalt in der Klinik in Murnau wieder zurück im Haus meiner Eltern in Garmisch. Vorsichtige Gehversuche und Liegen ist angesagt.

Abschied von Oberschwester Monika in der Unfallklinik Murnau. Die beiden werden sich leider sehr schnell wiedersehen…

Meine Mutter ist wie schon berichtet Anfang Februar verstorben und mein Vater lebt mit fast 97 Jahren höchst pflegebedürftig im nahe gelegenen Seniorenheim. Das Haus der Eltern ist schon in großen Teilen ausgeräumt, aber wir sind froh, das Haus zu unserer Verfügung zu haben, sonst hätten wir kein Zuhause.

Angela wird zusätzlich von meinen 2 Schwestern mit ärztlichen und physiotherapeutischen Ratschlägen umsorgt. Das ist beruhigend, denn beide sind wirklich Profis. Wir machen Kurzspaziergänge nach ärztlicher Vorschrift und freuen uns über die Besuche von Tochter Anna, meiner dritten Schwester Sybille mit ihrer Familie und unserer langjährigen Freunde Monika und Stefan. Wie praktisch, dass Stefan als Arzt Angela gleich die Fäden ziehen kann. Eine schöne Wunde! Sehr angemessen für eine Piratenbraut! Da wo andere Damen ein Tattoo haben, hat sie eine schöne Narbe. Die Operateure haben sich auch wirklich alle Mühe gegeben.

Dann eskalieren verschiedene Situationen fast zeitgleich:.

Angelas Schwester geht es nach langjähriger Pflege ihres Mannes gar nicht gut. Ich besorge für ihn einen Platz in der Kurzzeitpflege. Es herrscht ein reger telefonischer Kontakt zwischen den Schwestern. Die telefonische Betreuung der Mutter übernimmt Angela. Es ist nicht leicht für sie, das alles zu begreifen.

Dann der Anruf aus der Werft in Martinique. Der Außenbordmotor wurde gestohlen. Ich frage nach, welcher der Motoren denn entwendet worden sei, der große mit 15 PS oder der kleine mit 4 PS. Schweigen…. „Wir müssen das prüfen und melden uns in wenigen Minuten“, kommt die Antwort. Eine Stunde später…… „Es befindet sich kein Außenbordmotor mehr an Bord.“ Also wurden beide Motoren gestohlen?!?! Das ist ein kapitaler Schaden und eine Wiederbeschaffung der wertvollen Yamaha-Motoren in Martinique wird kaum möglich sein. Es folgen Telefonate und Emails. Was sonst wurde noch an Bord gestohlen? Wurde das Schiff aufgebrochen? Wurde etwas beschädigt? Wie konnte so etwas passieren? Die Motoren waren doch sicher verschlossen.

Ich muss nach Martinique zurück! Das Schiff liegt schon zulange alleine in der Werft. Wir hatten eine so lange Abwesenheit niemals geplant. Aber Angela geht es noch lange nicht gut genug, um an eine Reise überhaupt zu denken und sie braucht noch meine Unterstützung in vielen Belangen des täglichen Lebens.

2 tolle Yamaha Außenborder
… gestohlen von Piraten.
Spuren des Diebstahls….

Burkhard und Sibylle von der SY-Ithaka, die zufällig vor Ort in Le Marin/Martinique sind, werden sofort aktiv, wofür ich so dankbar bin. Sie inspizieren das Schiff. Keine weiteren Schäden. Wir sind erleichtert. Wir kennen die beiden seit Las Palmas und haben schönen Tage zusammen auf den Grenadinen miteinander verbracht. Sie sind ebenfalls mit der ARC über den Atlantik gekommen und berichten sehr anschaulich in ihrem Blog von ihrer Reise. (www.sy-Ithaka.de). Aufpassen ihr Blog endet mit***. de unser Blog endet mit *** .blog.

Fast zeitgleich. Angela ist erst 5 Tage zuhause. Donnerstag, es war ein schöner Wintertag hier in Garmisch. Angela bekommt wieder Schmerzen im Bein. Der Schmerz flutet innerhalb von Stunden an. Unerklärlich. Starke Schmerzmittel werden genommen. Keine Wirkung. Am Abend eskaliert die Situation. Kein Laufen oder Aufstehen mehr möglich. Verdammt, wie kriege ich sie zurück in das Krankenhaus nach Murnau? Der Notarzt hätte sie ins Krankenhaus nach Garmisch gebracht, was aber nicht zielführend gewesen wäre, denn dort gibt es keine spezialisierte Neurochirurgie.  Zusammen mit meinen Schwestern bringen wir sie noch am späten Abend irgendwie nach Murnau. Das war kritisch, denn die Schmerzen nehmen von Minute zu Minute zu.

Notaufnahme

Dort angekommen ging alles rasch. Notaufnahme, keine unnötigen Fragen, man kannte die Patientin ja schon, nur wenige Minuten bis sie auf einem Bett lag und man sich um sie kümmerte. Keine Stunde später war sie bereits auf der Station und wurde mit Opiaten von ihren massiven Schmerzen befreit. Es folgten Untersuchungen und Beobachtungen von verschiedenen Ärzten. Man will abwarten, eine dritte Operation wäre zwar immer möglich, aber vielleicht geht es ohne OP.

Die Ärzte analysieren sorgfältig die Ergebnisse ihrer bildgebenden Verfahren. Sie sind sich aber nicht alle so ganz einig woher die Probleme kommen….

Der ursprünglich leichteste Fall der Neurochirurgie mit einem Bandscheibenvorfall rückt deutlich weiter nach oben in der Prioritätenliste des Klinikums. Die Tage und Nächte döst Angela mit stärksten Medikamenten vor sich hin. Erst am Dienstag fiel das endgültige Urteil durch den Chefarzt: keine 3. Operation. Das Risiko des Abfluss von Gehirnflüssigkeit besteht nicht. Kein neuer Bandscheibenvorfall. Keine Schädigung des Nervs. Abwarten ist das Gebot der Stunde, denn es hat sich wohl postoperativ Gewebewasser gebildet, das auf den Nerv drückt. Dieses müsste sich hoffentlich selbst resorbieren. Eine Hoffnung! Leider keine Gewissheit. Eingeschränkte Bettruhe wird verordnet (d.h. liegen und nur für die Toilette aufstehen)

Mich zerreißt es in der Situation buchstäblich. Angela tut mir so leid in ihren Schmerzen. Die Sorgen um sie lasten schwer auf mir. Jeden Tag bin ich bei ihr im Krankenhaus. Wird sie wieder gesund und ohne Schmerzen leben können? Wieviel haben wir aufgeben für unseren Traum?

Die Betreuung des Vaters zermürbt meine Schwestern und mich. Die Auflösung des Hausstands meiner Eltern mit vielen Erinnerungen ist notwendig. Die emotionalen Schwankungen des gesamten Familiensystems drücken auf die Stimmung. Die Unterstützung der Probleme in Gütersloh von Schwester Bettina und der Schwiegermutter wühlen Angela und mich auf. Die Sorge um das Schiff, welches mir in der Schiffswerft Carenantilles nicht mehr sicher erscheint, kommt hinzu. Abstimmungen mit der Versicherung.  Beschaffung eines neuen Motors. Usw. usw.

Endlich! Angelas Schmerzen werden weniger. Der Chefarzt scheint recht zu behalten. Schmerzmittel werden Schritt für Schritt reduziert. Angela muss trotz allem Bettruhe einhalten. Das ist schwer für sie. Die Klinik macht das Unmögliche möglich und findet einen Platz in der Reha schon für die kommende Woche. Angela muss jetzt ganz vorsichtig genesen und wieder zu Kräften kommen. Ein weiterer Rückfall wäre fatal. Zwei Operationen, massive Schmerzen und über 4 Wochen Krankenhaus haben an ihr gezehrt.  Es wird dauern bis sie wieder so fit ist, wie sie war.

Sowie ich sie der Rehaklinik übergeben haben werde, werde ich nach Martinique reisen, um die notwendigen Maßnahmen dort zu ergreifen. Die Karibik war früher schon ein Ort für Piraten und das hat sich wohl bis heute nicht geändert.  Früher wurden die Piraten und ihre Verbündeten allerdings gehängt, heute beschränken wir uns darauf die Meldung im Caribbean Safety and Security Net einzustellen, was eine wichtige Informationsquelle für die Segler ist. Was für ein Fortschritt in der Kriminalitätsbekämpfung…..

Meldung an das Caribbean Safety and Security Net

Freunde und Familie fragen uns im Ablauf der Geschehnisse ganz vorsichtig, ob wir unsere Reise wirklich weiterführen wollen. Nun, wir wussten, dass unsere Reise zwar hoffentlich schön, aber nicht immer leicht werden würde. Wir rechneten mit Stürmen und Flauten, Verletzungen, technischen Problemen, Krankheiten usw. Und wir haben uns darauf gründlich vorbereitet, mit Ausbildung, einem guten Schiff, Ersatzteilen, Medikamenten, Kommunikationsmöglichkeiten, finanziellen Rücklagen, Versicherungen aber auch mental. 

Oft haben wir milde gelächelt und es nicht kommentiert, wenn die einen oder anderen sagten, unsere Weltumsegelung wäre ja ein Permanent-Urlaub für uns Früh-Rentner. Etwas segeln, in der Sonne liegen, gut Essen und Trinken, Trauminseln besuchen und Nichtstun. Wir wussten, dass dem nicht so sein wird und nach den ersten 5000 Seemeilen hatten wir die Gewissheit, dass dem in der Tat nicht so ist. Dass wir aber mit Gesundheitsproblemen wegen eines stinknormalen Bandscheibenvorfalls in Oberbayern festgehalten werden und gleichzeitig in unserer Abwesenheit bestohlen werden, nein, damit hatten wir nicht gerechnet. Trotzdem wollen wir zurück aufs Schiff. Dort ist unser Leben, unser selbstbestimmtes Leben für die nächsten Jahre. Da sind wir uns völlig einig.

Soweit unser Update für Euch.

VG. Christoph

Turbo Summary for our English readers:

Upon return from hospital after the second surgery, Angela recovers. She can walk a bit every day but has to lie in bed still most of the time. We are glad to be able to live in the almost empty house of my parents and get visits from family and friends. As reported earlier my mother has died in February and my dad lives in a nearby nurse home. The situation only lasts for 5 days, then things escalate almost simultaneously. Angela sisters faces serious issues which need to resolved. But most importantly the pain in Angelas back and leg is back. The pain escalates in hours and I bring her back to hospital, where she has been before. Days of uncertainty follow. Finally the decision, no third surgery has to take place, but she has to stay in hospital for quite some more days. After all she spends more than 4 weeks in the hospital. Then I get a call from Martinique that both outboard engines are stolen. This all too much, but I have to wait until Angela is better. Fortunately the hospital arranges that she can go to a specialised health recovery center for another 3 weeks as soon as she leaves hospital. What a privelege. I will use the time to fly to Martinique to put things in order there.

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1 reply »

  1. Liebe Angela, lieber Christoph, es ist vielleicht wenig tröstlich, aber die Momente, in denen “Nichts” ist, sind eher selten. Trotzdem trifft es uns scheinbar immer unverhofft und mit dem Gefühl “alles auf einmal “. Nichts bleibt so, wie es ist. Auch wenn wir den Hang haben das zu denken. Tief durchatmen mit frischer Bergluft. Wir wünschen eine Bandscheibe, die schnell zurück in ihre Ausgangsposition flutscht, Ruhe und baldige Rückkehr in Euer zu Hause. Axel und Heike

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