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Krisenmanagement

Als wir Ende Januar in Martinique für unseren Rückflug nach München einchecken, ist uns noch nicht bewusst, dass wir mitten in ein Chaos fliegen und es lange dauern wird, bis wir wieder hierher zurückkommen können. Wir hatten eilig einige Sachen zusammengepackt als der Ruf kam, dass meine Mutter im Sterben liegt. So nahmen wir die nächste Maschine via Paris nach München. Einer Intuition folgend buchten wir aber nur one-way.

Wir landen in München pünktlich in den Abendstunden und unser Freund Werner steht mit unserem Auto und einem kleinen Essenskorb schon bereit. Unverzüglich fahren wir ins Klinikum Garmisch-Partenkirchen. Wir sind rechtzeitig gekommen und können noch mit meiner Mutter sprechen.

Garmisch-Partenkirchen – ein schöner Ort – ein trauriger Anlaß

Es folgen schwierige und belastende Tage und Nächte. Insbesondere auch für meinen hoch pflegebedüftigen Vater, der im Seniorenheim wohnt. Ich organisiere mit Krankentransport und Hilfskräften ein letztes Treffen, wo sich meine Eltern voneinander nach 65 Jahre Ehe verabschieden können. Das zerreißt mich fast, trotzdem muss ich souverän für alle Beteiligten bleiben.  Die Palliativstation begleitet meine Mutter und ermöglicht ihr ein würdevolles, schmerzfreies Sterben trotz schwerer Krankheit nach einigen weiteren Tagen. Eine großartige medizinische und menschliche Leistung von den beteiligten Ärzten und Pflegenden.

Wir trauern zusammen mit vielen Menschen…

Angela war kurz nach unsere Ankunft bereits nach Gütersloh weitergefahren, um dort dringende Angelegenheiten für ihre Mutter in die Wege zu leiten. Auch dort hängen viele Dinge schief und das wird die nächste Baustelle. War es die kalte Zugfahrt oder der zu schwere Koffer oder bereits die Rückenprobleme, die sich in Las Palmas angekündigt hatten? Sie bekommt einen Bandscheibenvorfall. Das ist schmerzhaft, aber noch nicht superkritisch. Sie lässt sich unverzüglich vor Ort behandeln, jedoch ohne Erfolg. Die Nervenschmerzen eines eingeklemmten Nervs werden in kürzester Zeit unerträglich. „Komm nach Garmisch, hier haben wir bessere medizinischen Möglichkeiten,“ sage ich am Telefon. „Außerdem muss ich die Beerdigung zusammen mit meinen Schwestern, die alle arbeiten müssen, organisieren. Und dem Vater geht es extrem schlecht.“

Sie kommt am nächsten Tag per Zug in Garmisch an und ich erwarte sie im tief verschneiten Garmisch-Partenkirchen am Bahnsteig. Dort nehme ich sozusagen die letzten Reste meiner Frau entgegen. Nie zuvor hatte ich sie einem derartigen Zustand erlebt. Wir schauen uns an. „Krankenhaus?“, frage ich. Sie nickt stumm und schwach. Ich hatte schon vorgespurt, immerhin komme ich aus einer Ärztefamilie, bin aber als Nicht-Mediziner das schwarze Schaf. Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik Murnau, die beste Wahl und nahe gelegen. Meine Schwester Gabriele arbeitet dort. Das Zentrum für die schwierigsten Versorgungs- und Operationsfälle in Bayern. Dort, wo andere Spezialisten an ihre Grenzen kommen, fängt Murnau an zu arbeiten, so heißt es.

Dieser Wegweiser gilt ab jetzt für einige Zeit

Man kümmert sich um Angela professionell und menschlich. Wir sind angekündigt. Ich warte viele Stunden und führe Telefonate wegen der Beerdigung meiner Mutter. Zwischendurch kommt immer wieder ein Arzt und informiert mich. Das ist gut und ich weiss, Angela muss nicht leiden, denn man hat ihr schon starke Mittel zur Schmerzlinderung verabreicht.

Während ich in der Notaufnahme unmittelbar an der Schleuse zum Flugfeld sitze, kommen mehrere Hubschrauber nacheinander rein. Aufgrund der Dringlichkeit der Fälle werden die meisten Patienten hier eingeflogen. Etwas untypisch kamen wir per Auto. Ich beobachte die Hubschrauber beim Landen und die Anfahrt der Krankenwagen. Die Liegen mit den Patienten werden hereingeschoben. Keiner rennt. Aber es geht rasch. Alles in Ruhe. Es wird nicht laut gesprochen. Eine sehr präzise Kommunikation ist zu beobachten. Offensichtlich sitzt hier jeder Handgriff und alle folgen einem vereinbarten Prozess. Faszinierend dieser Ablauf. Erschreckend die eingelieferten Patienten. Ich bin froh, dass meine Gedanken abgelenkt sind. Angela durchläuft jetzt alle möglichen Analysen. Ich mag nicht daran denken. Da wird mir ganz mulmig. Ich muss mich ablenken.

Ich beobachte wie die Helicopter ein- und ausfliegen. Ich muss mich ablenken…
Die Helicopter kommen an manchen Tage so wie heute ca alle 30 Minuten. Das hängt vom Wetter ab, erklären mir die Ärzte. Je mehr Verkehr und je mehr Bergtourismus, um so mehr kommt rein

Angela wird sofort auf eine Station gebracht. Die Operation erfolgt bereits am nächsten Morgen. Bis dahin wird sie mit Opiaten „stillgelegt“. Ich bleibe bei ihr. Nur in den Nachtstunden fahre ich nach Garmisch und schlafe etwas.

Die Operation war gut. Ich betreue Angela vor Ort und regle die Trauerfeier und Beerdigung aus dem Klinikum heraus. Die haben Wifi, eine Kantine, Ruhebereiche zum Arbeiten, Toiletten. Alles was ich brauche. Angela geht es besser. Ich pendle zwischen Altenheim und Krankenhaus. Dann nach 3 Tagen Rückfall. Starke Schmerzen, rasch zunehmend. Opiate werden innerhalb von Stunden hochgefahren. Es wird analysiert und behandelt, damit der Nerv zur Ruhe kommt. Kein Erfolg. Dann der Entscheid. Eine Zweitoperation ist erforderlich.

Angela muss aber noch 24 Stunden auf die zweite Operation warten, bis ein Slot zwischen anderen einfliegenden Notfällen frei wird.  Sie wird aber noch am Wochenende operiert. Bis dahin wird sie wieder mit Opiaten „stillgelegt“. „Das Zeug ist Klasse,“ sagt sie mit einem müden Lächeln immer mal wieder.

Jeden Tag gehe ich diesen endlosen Flur wiederholt entlang…

Mein Vater hat am gleichen Tag iher Operation einen weiteren Schlaganfall, der das Sprechen fast unmöglich macht. Dazwischen findet die Trauerfeier und Tage später die Urnenbeisetzung statt. Es ist so einiges organisatorisch zu regeln und mein Kopf und Gemüt beginnt sich zu spalten. Ich pendle zwischen Murnau Klinikum, Garmisch Seniorenheim, Kirche und Beerdigungsinstitut.  Unser Schiff ist jetzt Lichtjahre entfernt.

Die Zweitoperation ist ein Erfolg. Doktores Schulz und Reuter operierten unter Mikroskop und schafften ausreichend Platz für den zickigen Nerv. Ein tolles Operationsteam, absolute Profis. Der Erfolg zeigt die Notwendigkeit der zweite OP. Die Ärzte sind sehr präsent, erklären alles sehr genau und überwachen den Genesungsfortschritt engmaschig. Unsere Segelpläne kennt mittlerweile die ganze Station. Die Docs wissen um die Bedeutung, dass Angela wieder segeln kann.

Das OP Ärzte Team und ihre Patientin. Super Profis der Neurochirugie und sehr sympatisch. Und wir lachen auch zusammen.

Es geht aufwärts. Aber sehr langsam, denn zwei Operationen in einer Woche, das ist viel für den Körper und die Psyche. In traumhafter Lage in Klinikum erholt sich Angela von Tag zu Tag.

Meine Schwester Gabriele, ihres Zeichen Physiotherapeutin, überwacht streng jede Bewegung. Sie prägt dann auch den Satz für die ersten physiotherapeutischen Schritte: „ Das Gute geht in den Himmel voraus, das Schlechte geht in die Hölle voraus.“ Das bedeutet, das gesunde Bein geht beim Treppensteigen zuerst hoch, dann das kranke Bein. Und beim Treppabwärtsgehen ist es umgekehrt, das kranke Bein geht zuerst die Stiege nach unten und das gesunde Bein folgt. Außerdem wird der Handlauf bei der Treppe gegenüber dem kranken Seite genommen. Klar, nicht wahr? Muss man mal ausprobieren. Geht wirklich gut.

Schöner Blick von der Klinik Richtung Süden. Da muss man gesund werden. Jeder Tag in diesen Wochen ist schönes Wetter. Irgendwie merkwürdig.

Wir beginnen mit den Ärzten anzudenken, wie und wann ein Rücktransport nach Martinique erfolgen könnte. Und wie Angela trainieren muss, um wieder segeln zu können. Es sind nur Gedanken und noch keine Pläne. Denn wir alle halten die Luft an, ob die positive Entwicklung tatsächlich anhält. Auch wenn sich die Berge in Garmisch und Murnau, meiner Heimat in der Kindheit, in herrlichem Winterwetter zeigen und sozusagen locken „bleibt doch hier, wo es so schön ist“, finden wir heraus, dass Ithaka unser Zuhause ist. Und wir wollen zurück nach Hause.

Die Patientin läuft schon wieder, gaaanz vorsichtig somit ist das Bett gerade leer. Wie erfreulich.

Allerdings geht es meinem Vater nun auch von Tag zu Tag schlechter. Seine Patientenverfügung ist eindeutig. Nun ist jeder Tag von noch größerer Bedeutung. Jeder in der Familie ist Stand-by.

Dann erreicht mich heute die Nachricht, dass beide Aussenborder von unserem Schiff gestohlen wurde. Noch ist unklar, ob es weitere Schäden gibt.

Das Krisenmanagement dauert also an.

Turbo Summary for English Readers:

End of January we have to return to Germany to accompany Christoph´s mother in her very last days. Moreover, Angela suffers a disc prolapse while being with her mother in Gütersloh. She returns with big pains to Garmisch and goes straight to hospital. 2 surgeries are required within one week to cure the situation and relief her from the pain and hopefully rescue the nerv. Future sailing is at high risk. Difficult days and weeks! At last the shipyard calls: both outboard engines have been stolen. Crisis Management is going to last.

Es grüsst aus dem Krankenhaus
Christoph (CCO)
Chief Crisis Officer

6 replies »

  1. Lieber Christoph, liebe Angela,
    Das sind bewegte Zeiten. Christoph, mein herzliches Beileid zum Hinschied Deiner Mutter. Und Angela wünsche ich von ganzem Herzen rasche Genesung, ich kenne die Schmerzen und kann gut nachvollziehen welche Erleichterung Opiate in diesem Moment bringen. Ich drücke Euch die Daumen, dass Eure Reise um die Welt bald eine Fortsetzung findet!
    Herzliche Grüsse aus der CH, Victor

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  2. Lieber Christoph, liebe Angela,

    euch und der ganzen Familie unser aufrichtiges Beileid! Und dir, Angela, schnelle und gute Besserung! Leider kommt manchmal alles auf einmal! Jetzt kann es doch nur besser werden! Hoffentlich könnt ihr bald wieder euer Schiff genießen und euch von dieser schwierigen Zeit erholen.

    Alles Liebe und Gute, viel Kraft und gute Genesung

    Karen und Laci

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  3. Lieber Christoph, liebe Angela,
    Ich wünsche Euch, und ich denke, ich spreche für die gesamte Crew der SaltyDog viel Kraft in dieser schweren Zeit. Angela gute Besserung und mögest Du gestärkt aus deiner Rehabilitation hervorgehen. Ich wünsche Euch für die Zukunft alles erdenklich Gute und dass Ihr schnell wieder auf Eure Ithaka zurückkehren und Euren Traum weiter leben könnt.

    Liebe Grüße vom Niederrhein, Mast und Schotbruch und Fair winds

    Thom van Megen

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  4. Liebe Angela, lieber Christoph, wir denken so oft an Euch und haben mit Euch gelitten. Unser tiefempfundenes Beileid zum Tod Euer Mutter und Schwiegermutter hat Burkhard Euch ja bereits telefonisch übermittelt. Und wie Ihr wisst, kann Burkhard Angelas Leiden mehr als gut nachempfinden. Wir wünschen Euch von ganzem Herzen, dass die Genesung nun kräftig voranschreitet und wir Euch bald hier auf Martinique beim Rum Punch wieder in die Arme schließen können. Bitte zögert nicht, uns zu kontaktieren, wenn wir Euch in Bezug auf Euer Schiff unterstützen können. Alles Liebe, Sibylle und Burkhard

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  5. Lieber Christoph, liebe Angela,

    mein aufrichtiges Beileid! Dies sind schwierige Zeiten und ich wünsche Euch viel Kraft und gute Genesung!

    Liebe Grüße aus Kalifornien
    Timo

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