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Zwischen den Welten

Geschafft! Sonntag, 5.5.2019, 16.30Uhr, Paris-Orly. Christoph und ich sitzen tatsächlich in einem Airbus, der uns in gut 8 Stunden über den Atlantik zurück in die Karibik nach Martinique bringen wird. So ganz können wir noch gar nicht glauben, dass wir den nach den Erfahrungen der letzten Wochen vorsichtshalber mit Flex-Ticket gebuchten Flug wirklich antreten können! Hier sitze ich nun auf meinem Platz 7A und möchte versuchen, das große Gefühlschaos in mir für euch und auch für mich selbst in Worte zu fassen.

Abflug Paris Orly nach Fort de France/Martinique

Gut 3 Monate ist es jetzt her, dass wir einen dreiwöchigen Heimaturlaub zur Verabschiedung und Beerdigung meiner Schwiegermutter angetreten haben. Aus diesen 3 Wochen wurden für mich mehr als 4 Wochen Klinik, 4 Wochen Reha und einige Zeit Familienbesuch. Es waren letztlich erfolgreiche Wochen; durch ein sehr intensives Rehatraining bin ich jetzt „runderneuert“, wie der gute Professor Horstmann vom Medical Park Bad Wiessee so schön sagte, und kann mit dem Segen der Ärzte das Leben auf dem Schiff vorsichtig wieder aufnehmen.

Ärzteteam in meinem Zimmer, im Hintergrund Tegernsee

Die Zeit im Krankenhaus und in der Reha war eine unwirkliche Zeit und vor allem eine Zeit der ständigen Rückschläge.  Zur 1. Operation angetreten bin ich mit der Aussage des Chefarztes der Murnauer Unfallklinik: „Sie in zwei Wochen wieder fit für die Reise in die Karibik zu machen, wird sehr sportlich.“ Natürlich war ich erst einmal davon überzeugt, dass das schon hinhauen wird und legte mich ohne jegliches Beruhigungsmittel mit großer Zuversicht auf den OP-Tisch. 5 Tage später: Statt wie geplant aus der Klinik entlassen zu werden, muss aufgrund der wieder vom unteren Rücken bis in die Zehen auftretenden Nervenschmerzen nachoperiert werden; die Bandscheibe wird komplett ausgeräumt, der Nervenkanal erweitert.

Ziemlich frustrierend, dass danach meine Bewegungsmöglichkeiten zunächst auch nicht größer waren als vor der OP! Entlassung aus dem Krankenhaus nach einer Woche; Spazierengehen und leichte Gymnastik erlaubt. Schwägerin Yella versorgt mich als Physiotherapeutin mit entsprechenden Übungen und so praktischen Dingen wie einer Greifzange, um heruntergefallende Dinge aufzuheben.  Zum Schuhebinden bin ich erst einmal noch auf Hilfe angewiesen. Wer mich kennt, weiß, dass das nicht zu Begeisterungsstürmen geführt haben kann! Wahrscheinlich war ich zu dieser Zeit nicht ganz einfach zu händeln – Abbitte an meinen Mann!

Nach 5 Tagen und zugegebenermaßen vielleicht etwas zu vielen Spaziergängen bin ich aufgrund starker Schmerzen wieder bewegungsunfähig! Der Transport in die Klinik ein einziger Horror! Die Infusionen mit normalen Schmerzmitteln bleiben fast wirkungslos. Ich bin dennoch froh, dass sich die Ärzte nach dem 3. MRT gegen eine 3. Operation und für strenge Bettruhe mit Gabe von Opiaten entschieden haben. Nach einigen Tagen absorbiert mein Körper tatsächlich die Gewebeflüssigkeit der Zyste, die sich an der OP-Stelle gebildet hatte. Falls er das nicht getan hätte, wäre ich wahrscheinlich bereit gewesen, den Rest meines Lebens als Junkie zu verbringen! Diese Opiate – wirkliche Wundermittel! Nicht nur, dass die kaum auszuhaltenden Schmerzen gut erträglich wurden, auch die Auswirkungen auf die Psyche waren erleichternd. Ich war zwar etwas verlangsamt, aber weder ängstlich noch ungeduldig, sondern eher gleichmütig und zuversichtlich. Nach insgesamt fast 5 Wochen Krankenhaus war auch mir klar, Reha muss sein. Der Oberarzt setzte sich selbst dafür ein, dass ich gleich nach der Entlassung aus der Klinik einen Platz im Medical Park am Tegernsee bekomme.

Mein Tagesplan
Die Sportreha

So begannen 4 weitere Wochen, in denen ich mich fast ausschließlich auf die Reparatur meines Körpers konzentriert habe und die ganz weit weg vom normalen Alltag und noch weiter weg von einem Leben auf einer Segelyacht in der Karibik war. Je länger der Aufenthalt in Bad Wiessee dauerte, desto mehr wurde dieses erneute Leben im Schonraum meine Realität und desto unvorstellbarer wurde das Leben auf unserer Ithaka, das ich trotz aller Widrigkeiten so sehr geliebt hatte. Dabei hat Christoph, der während meiner Reha die Erneuerung des Riggs überwachte, irgendwie einen neuen Außenbordmotor beschaffte und selber viele andere Reparaturen am Schiff durchführte, mich darüber täglich telefonisch auf dem Laufenden gehalten.

In den letzten Wochen Reha begann die Sorge in mir, dass das Leben auf dem Schiff nicht mehr mein Leben sein könnte! Werde ich den körperlichen Anforderungen wieder gerecht werden können? Komme ich wieder problemlos vom Beiboot die Bordwand hoch aufs Deck? Kann ich wieder in alle Ecken und Winkel des Schiffs kriechen, um Vorräte oder Ersatzteile zu erreichen?  Und der erschreckendste Gedanke überhaupt: Will ich das überhaupt noch? Die für mich neue Erfahrung, durch einen Streik des Körpers so komplett ausgeknockt zu werden, hat in mir ein Gefühl von Unsicherheit und ein Bewusstsein von Verletzlichkeit ausgelöst, was ich nie kannte und mit dem ich im Moment nur schwer klarkomme.

Genossen habe ich die vielen wieder aufgenommenen intensiven sozialen Kontakte. Was für eine Freude war es, in Nachrichten, Telefonaten und Besuchen zu erleben, dass ein halbes Jahr Abwesenheit keinerlei Auswirkung auf echte freundschaftliche Beziehungen hat und dass wir problemlos da weitermachen konnten, wo wir aufgehört hatten! Die Nähe und Unterstützung, die aufmunternden Worte und geteilten Torten, die Kommunikation in Rückenlage und die Spaziergänge, das alles hat mir so gutgetan und ich bin unendlich dankbar, dass ich das erfahren konnte! Auch wenn es jetzt schwer war, diese Nähe wieder hinter mir zu lassen, überwiegt die Zuversicht, dass es beim nächsten Mal genauso sein wird!

Stellvertretend für alle: Manuela und ich mit Mousse-au-Chocolat-Torte im Medical Park

Was bei meinem bis dahin nur leicht angeschlagenen Seelenleben wirklich überflüssig war: Am letzten Tag der Reha habe ich mir noch einen Norovirus eingefangen! (Es war bestimmt der Wurstsalat beim Abendessen, davon waren auch andere Infizierte überzeugt!) Ich wurde isoliert, die Betreuungspersonen sahen mit Plastikkittel, Mundschutz und Handschuhen aus wie in den schlimmsten Katastrophenfilmen und was das Schlimmste war: Nach 4 Wochen Trennung musste auch Christoph stets einen Sicherheitsabstand zu mir einhalten. Ich kam mir vor wie eine Aussätzige!

So holte Christoph mich aus der Reha ab

Zum Glück dauerte der Spuk nur knapp 2 Tage, aber wir wussten natürlich, dass aufgrund der weiterhin möglichen Ansteckung die geplanten Besuche bei Christophs Vater und meiner Mutter ein unkalkulierbares Risiko bedeuten würden. Also wieder einmal eine Planänderung.  Der Besuch in Gütersloh wird auf den Ostersonntag verschoben und die Besuche bei Christophs Vater müssen wieder seine Schwestern übernehmen.  Letzteres ist für ihn und uns nicht leicht, denn wir gehen davon aus, dass dies der letzte Aufenthalt in Deutschland ist, bei dem wir meinen Schwiegervater noch sehen können. Zumindest haben sich die Vorsichtsmaßnahen gelohnt, niemand in meiner Umgebung hat sich angsteckt! Nur mein guter Trainingszustand hat leider einem leichten Schwächeln Platz gemacht.

In Gütersloh treffen wir meine 87-jährige Mutter bei guter Gesundheit in Gesellschaft meiner Schwester und deren Kinder an. Noch kommt sie alleine in ihrem Haus zurecht und wir müssen erst einmal „nur“ eine lautere Klingel installieren und die dreibeinigen, wattierten Badhocker, auf die sie ständig steigt, durch ordentliche Leitern ersetzen. Es bedarf all unserer Überredungskünste, ihr wirklich nur zum Eingewöhnen in ihrem momentan noch guten Zustand zumindest für 2 Stunden in der Woche eine Betreuung zur Seite zu stellen. Sie ist bereit, es 4 Wochen lang zu versuchen, aber es bereitet ihr großes Kopfzerbrechen, wie sie „diese Frau“ unterhalten soll!!! Und dafür noch Geld bezahlen!

Mutter und Tochter in Gütersloh

Größere Sorge bereitet uns meine Schwester, die aufgrund ihres Gesundheitszustands ihren betagten kranken Mann nicht mehr rund um die Uhr versorgen kann. Nach einigen Wochen Krankenhausaufenthalt ist sie jetzt wieder zu Hause und nun fällt es meinem Schwager noch schwerer zu akzeptieren, dass es keine Alternative zu einem Pflegeheim gibt. Wir hoffen sehr, dass Bettina sich nach dem Warnschuss selbst weiterhin im Auge behält und sich von ihrem Mann nicht unter Druck setzen lässt.

Nach unserem Besuch in Gütersloh machen wir noch 2 Tage Station in Holland, um mit CONTEST, der Werft unseres Schiffes, einige wichtige Dinge zu klären. Die bei Sonnenschein wunderschönen Städtchen am IJsselmeer empfangen uns diesmal kalt und regnerisch.

Auf dem Weg nach Hause übernachten wir in Heidelberg bei Jonas und genießen es sehr, mit ihm und seiner Freundin Marthe den 1. Mai mit einem ausgiebigen Brunch bei strahlendem Sonnenschein am Neckarufer begrüßen zu können. Gestern waren wir noch bei Tochter Anna und ihrem Freund Gabriel, die mit Begeisterung von ihrem Urlaub in Sri Lanka und ihren Zukunftsplänen berichteten. Was für eine Wohltat, nach all den Herausforderungen durch Krankheit und Alter die Aufbruchstimmung der Jugend erleben zu können! Mit großer Spannung und ohne jegliche Einmischung (versprochen!) werden wir den Weg unserer Kinder weiterverfolgen.

An unserem letzten Abend in der Heimat gewähren Monika und Stefan uns Obdachlosen Asyl in Baldham und verabschieden uns mit einem beeindruckenden Festessen und einem ausgiebigen early-bird-Frühstück. Da die Schaukelei auf einem Schiff für die beiden nicht der Traum ihrer schlaflosen Nächte ist, wird es wohl eine Zeit lang dauern, bis wir uns revanchieren können!

Freunde seit über 30 Jahren

Trotz aller Ängste und Unsicherheiten freue ich mich sehr darauf, nach 3 Monaten jetzt wieder in ein eigenes Zuhause zu kommen. Und ich hoffe so sehr, dass Lebensfreude und Unbeschwertheit, die wir trotz aller Herausforderungen an Bord immer wieder intensiv erleben konnten, sich ganz schnell wieder einstellen, wenn ich erst einmal wieder auf der Ithaka bin. Drückt mir die Daumen; wir werden berichten!  

Alles Liebe, Angela

For our English Readers a turbo summary:

I live between the worlds of hospitals, recovery clinic and family systems in Germany and our life on board our ship Ithaka. I summarize my feelings in ths article about the ups and downs and cannot actually not believe it that I am now seated in a plane from Paris Orly to Fort de France in Martinique. 2 surgeries almost 5 weeks in hosptial and 4 weeks to recover in a special clinic with the big bang at the end of a very infectious Noro Virus brought me down but also re-established by backbone very successfully. Will I be able to go back to my life on board of Ithaka. So many things have happend. Please keep your fingers crossed. Bests A.

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