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Auf in die Karibik – Leg 1: Kapverdische Inseln

Auf die Frage, wie es denn nach unserem Trip in die Karibik weitergehen soll, habe ich immer geantwortet: Das hängt davon ab, ob die Atlantiküberquerung ein Traum oder ein Albtraum wird. Die ersten 3 Tage nach dem Start waren auf jeden Fall ein Albtraum – davon gleich mehr.

Pünktlich am 1. November begann die ARC Organisation mit der Vorbereitung vor Ort. Einweisungen für den ganzen Ablauf des Events bis zu unserer Ankunft in Saint Lucia. Seminare und Briefings zu Wetter, Routenplanung, Downwind Sailing, Einkaufen und Proviantierung, Sicherheit, Rigg-Prüfung u.v.a.. Alles findet im wunderschönen, wirklich königlichen Real Club Nautico statt mit tollem Ausblick über den riesigen Swimmingpool auf Stadt und Hafen.

Real Club Nautico: Unser Trainingszentrum

Jeder Morgen beginnt um 9 Uhr mit dem Briefing für den Tag durch das Rallye Control Center per UKW Schiffsfunk gefolgt vom Kurzwellen Check um 9:15. Dazu gibt es täglich eine kleine oder große Veranstaltung zum gegenseitigen Kennenlernen oder Feiern. Das geht vom Welcome Drink über Sundowner Get-togethers bis zur Kostümparty und Farewell Party. Nur der letzte Tag vor der Abfahrt ist bis auf das Feuerwerk ohne Veranstaltung und ohne Alkohol, damit die Crews auch fit sind und bleiben vor dem Start. Äußerst sinnvoll, wie sich später herausstellt.

Kostümparty: One Night in Rio

Der der wichtigsten Punkte ist der Sicherheitscheck von jedem Schiff durch einen ARC Inspektor. Über Monate haben wir die umfangreichen Vorschriften genau studiert und das notwendige Equipment gemäß Vorschrift besorgt. Das ist viel, wirklich sehr viel. Aber es fehlt immer noch einiges und der Bootsshop um die Ecke macht gute Geschäfte.  Schließlich kommt der Sicherheitsinspektor auch zu uns, schaut sich alles genau an, bespricht mit uns das Vorgehen in Krisensituationen und gibt noch einige sinnvolle Hinweise. So sollen wir bitte noch die Rettungsinsel fest mit dem Boot verbinden, denn wenn unser Schiff dann untergeht, hätten wir dafür vermutlich keine Zeit mehr! Macht Sinn, in der Tat. Aber im Übrigen meint er, wir hätten ja eine Contest und da würde wohl nicht viel passieren können, wenn wir nur alle Sicherheitsregeln befolgen.

Und immer wieder gibt es noch Reparaturen und Wartungsarbeiten. So müssen u.a. das elektrische WC ausgebaut und die Ventile erneuert werden, weil das Teil einfach stinkt. Im wahrsten Sinne des Wortes ein Scheißjob für Christoph. Es dauert fast einen ganzen Tag, bis wieder alles geht.

Endlich finden wir auch einmal die Zeit, das Fishing Equipment zu besorgen. Unser Freund Herbert hatte uns von zu Hause die entsprechenden Empfehlungen mitgegeben und schon die richtige Literatur für uns besorgt. Das kommt jetzt zum Zuge.

Auf dem Steg wächst die Gemeinschaft der 8 startenden Boote immer mehr zusammen. Man unterstützt sich und tauscht Erfahrungen aus. Am Donnerstag steigt dann unsere Stegparty. Jede Crew kocht etwas und jeder geht von Boot zu Boot und probiert, was es so bei den anderen gibt. Es wird viel gelacht, gegessen und getrunken – wieder ein schöner Abend.

Steg Party: Bei uns gibt es Spaghetti Bolognese

Wie ihr wisst, haben wir die letzten Tage in Las Palmas mit Warten auf Odysseus, unser neues Beiboot verbracht. Das Daumendrücken zu Hause hat geholfen: Am Mittwochnachmittag erschienen 3 starke Männer mit einem großen Paket am Steg. Gleich sammeln sich die Stegnachbarn um uns und Odysseus, um seine Ankunft gebührend zu feiern, natürlich auch wissend, dass Sekt zur Dinghi Taufe schon kalt gestellt ist.

Das Dinghi “Odysseus” kommt…

Der Lieferant baut das Dinghi dann auch gleich auf. Könnt ihr euch vorstellen, wie groß das allgemeine Entsetzen war, als sich plötzlich ein leises Pfeifen begleitet von einem deutlichen Luftstrom aus der vorderen Luftkammer bemerkbar macht! Odysseus hat ein Loch!!!

Die vielen Diskussionen der folgenden Tage erspare ich euch. Nur so viel: Es wurde vereinbart, dass das Boot fachmännisch repariert wird. Dazu gibt es einen deutlichen Preisnachlass. Damit gaben wir uns zunächst zufrieden. Eineinhalb Tage vor unsere Abfahrt gingen wir dann wieder einmal bei der Firma vorbei, um über den genauen Preisnachlass zu diskutieren. Das wäre nicht mehr nötig, sagte der Chef, die Reparatur könne vor unserer Abreise nicht mehr durchgeführt werden. Er würde uns die Anzahlung zurückgeben. Wir waren fassungslos!!!

Dabei war ja auch Penelope bereit für Odysseus! Penelope habe ich unseren neuen Außenbordmotor getauft. Sie wird dafür sorgen, dass Odysseus immer den Weg zurück nach Ithaka findet. Ohne ein neues Dinghi hätten wir auch keinen neuen Außenborder gekauft. Dies machte Christoph dem Firmenchef in einer so überaus deutlichen, nicht mehr ganz so leisen Art und Weise klar, dass dieser versprach, heute noch eine Lösung zu finden, die uns zufrieden stellt. Diese Lösung kam dann am Samstagnachmittag. Odysseus war ein bisschen gewachsen; das neue Dinghi, das in Las Palmas auf Lager war, war zwei Nummern größer als das alte und wir bekamen es zum gleichen Preis. Es wurde noch ausprobiert, ob es denn für die Überfahrt auch einen Platz an Bord finden könnte, dann war der Deal perfekt. Mit Ian und Nick, unseren englischen Freunden von der Silhouette, wurden dann sowohl Odysseus als auch Penelope gründlich an Bord verzurrt. Die Bootstaufe wurde auf die Karibik verschoben. Wir sind glücklich und zufrieden, dass wir letztlich doch mit Gewinn aus dieser nervenaufreibenden Situation herausgekommen sind und in der Karibik jetzt auch größere Entfernungen zum Land leicht überwinden können.

Am Spätnachmittag kommen noch 2 Zollbeamte an Bord und bearbeiten mit uns das Ausklarierungspapier zum Verlassen des EU- und Schengenraums.

Am Morgen des Starttags liegt eine große Spannung über allen Stegen mit den 74 Booten, die um 13 Uhr zum ersten Teil der Atlantiküberquerung nach St. Lucia aufbrechen sollen. Fast alle unsere Nachbarn sind abfahrbereit, gehen zum Teil sogar noch auswärts frühstücken, nur wir sind bis zum letzten Moment mit liegengebliebenen Vorbereitungen beschäftigt. Großes Abschiednehmen auch von den liebgewonnenen Crews, deren Boote erst zu einem späteren Zeitpunkt starten. Ab halb 12 verlässt dann eine Yacht nach der anderen den Hafen Richtung Startlinie und wird dabei mit Tuten aus Nebelhörnern, mit lauter Musik und mit heftigem Winken und Rufen von vielen Menschen, die auf beiden Seiten der Ausfahrtsmole steht, verabschiedet. Ein großer Moment, auf den wir so lange gewartet haben. Aber es ist jetzt keine Zeit für Gefühle. Es herrscht Gedrängel in der Bucht. Die Großschifffahrt ist mit dicken Pötten verankert. Die Marine ist mit Fregatten, Schnellbooten und Hubschraubern präsent. Zuschauerboote werden vom Militär sofort herausgepickt und vertrieben.

Ein grosses Aufgebot der Marine, schon Tage vorher mit Sicherheitsdemos für uns

Eine andere Yacht Richtung Startlinie.  Jetzt wird es aber Zeit Segel zu setzen…

Zuerst ist alles gut. Obwohl Christoph mir versprochen hatte, sich von dem Gedrängel an der Startlinie fernzuhalten, gehen wir als viertes Boot über die Startlinie. Sein unschuldiger Kommentar: Wo wir doch schon mal da sind ….

An der Startlinie….

Am Nachmittag probieren wir wie viele andere Boote bei leichtem Rückenwind noch unsere beiden Leichtwindsegel aus, zuerst den Gennaker, dann den Parasailor. Dazu muss Christoph immer aufs Vordeck, um die verschiedenen Leinen einzuknüpfen und die Segel aus ihren Segelsäcken zu befreien. Da wir als „doublehanded Crew“ auf keinen Fall in der Nacht ein nicht immer leicht zu beherrschendes Leichtwindsegel fahren wollen, holt Christoph den Parasailor bei Sonnenuntergang vorne an Deck wieder ein – ein hartes Stück Arbeit bei inzwischen knapp 5 Windstärken. Immerhin sind über 200 Quadratmeter Segel, die an einem 22 m hohen Mast hängen, zu bergen und in einer Tasche auf dem Deck eines schwankenden Schiffes zu verstauen. Das sind einfach zu viele unkoordinierte Bewegungen mit dem Kopf nach unten, so dass es Christoph schlecht wird trotz seines Pflasters hinter dem Ohr gegen Seekrankheit.

Ab halb sieben wird es dunkel, wir sind gut drauf und freuen uns, dass wir endlich unterwegs sind. In der Nacht geht es dann los: Christoph fragt mich, ob ich die leise Musik auch hören würde. Auch wundere er sich, dass jetzt doch Leute bei uns an Bord reden, obwohl wir doch eigentlich nur zu zweit unterwegs sind. Er hätte die Leute auch schon angesprochen, aber auf einmal wären sie dann weg. Es ist sooo unheimlich!!!  Christoph hört und sieht Dinge, die gar nicht da sind!!! Jetzt auf einmal bekommt er die Nebenwirkungen des starken Medikaments gegen Seekrankheit, dass er seit Jahren gut verträgt zu spüren. Vermutlich eine Überdosierung, da das erste Pflaster vor einigen Stunden abgefallen war und er gleich ein neues Pflaster hinter sein Ohr geklebt hat. Ohne das Scopolamin Pflaster geht es aber auch nicht, denn die See südlich der Kanaren ist bekannt für ihre unruhigen Kreuzseen (Wellen kommen gleichzeitig aus verschiedenen Richtungen). Das Boot rollt fürchterlich von einer Seite zur anderen, bei jedem Schritt muss man sich festklammern, das Essen fliegt von den Tellern durch die Luft, Kochen und Abspülen wird zum Akrobatikakt. Gut, dass ich für 3 Tage vorgekocht habe, sonst gäbe es außer Zwieback nichts zu essen. Zu allem Überfluss stürzt Christoph nach einem kurzen Moment der Unaufmerksamkeit auch noch im Salon und landet schmerzhaft mitten auf den Herd. In unserer Funkrunde fragt eine Mitseglerin genervt: Who can stop the washing machine?

Ich werde zwar nicht seekrank, aber mein großes Problem ist, dass ich bei diesen Schiffsbewegungen nicht schlafen kann. In den ersten drei Nächten döse ich nur etwa eine Stunde vor mich hin, auch weil ich natürlich in Alarmbereitschaft bin wegen Christophs Halluzinationen. Er ist aber völlig klar und tatkräftig bei der Sache, es ist ihm bewusst, was in seinem Gehirn vorgeht und dass er momentan nichts dagegen machen kann. Die Nächte sind übel für ihn, ob als Wache oder Freiwache, denn er hört immer wieder diese Stimmen, wo es keine Stimmen gibt.

Nach der zweiten Nacht sind wir mürbe und wir fragen uns: Was tun wir eigentlich hier?

Gott sei Dank sind nach 3 Tagen die Halluzinationen vorbei und die See wird ruhiger. Wir kommen teilweise nur mühsam voran, da unser schweres Schiff mit leichtem Wind genau von hinten unter Standardbesegelung langsam ist. Wir müssten dringend unsere großen, bunten Leichtwind-Segel setzen. Aber mit Seekrankheit und Übermüdung wollen wir kein Risiko eingehen und das Cockpit nur ungern verlassen. Safety first! Mit Genua und Großsegel versuchen wir, etwas Geschwindigkeit aufzunehmen und gleichzeitig das Schiff so ruhig wie möglich zu halten.

Wir fokussieren uns auf die schönen Momente. Fantastischer Regenbogen, tolle Sonnenuntergänge, die Unendlichkeit des Meeres und unser schönes gemütliches Schiff.

Mit Blick auf die noch vor uns liegende Strecke nehmen wir am Mittwoch den Motor zur Hilfe; so wissen wir zumindest, dass wir nicht erst in Mindelo ankommen, wenn die anderen schon auf dem Weg nach St. Lucia sind. Das ist nicht sehr seemännisch und gibt Strafpunkte bei der Rallyewertung. Aber noch fühlen wir beide uns geschwächt und trauen uns größere Segelmanöver nicht zu. Plötzlich taucht eine andere Yacht auf und kreuzt mit Spinnacker vor uns hin und zurück, wohl um uns zu zeigen, wie es richtig geht!

Yacht Rohkea direkt vor uns

Wir beratschlagen, was zu tun ist, wenn wir wirklich in die Karibik wollen. Es ist uns sehr bewusst geworden, dass bei einer normalen, nicht professionellen Zweimanncrew die Sicherheit auf See nur gewährleistet ist, wenn keiner von beiden ausfällt. Deshalb haben fast alle anderen Schiffe mindestens 3 Mann an Bord, viele sind auch zu viert oder sogar zu acht.

Noch haben wir 4 Tage und 3 Nächte vor uns, bis wir in Mindelo ankommen. Per Funk knüpfen wir Kontakte und checken verschiedene Möglichkeiten.

We will see…

Herzlichst

Angela

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