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Letzte Etappe

Mit unserer provisorischen Steueranlage erreichen wir A Coruna in Galizien am Abend des 8. Tag nach Aufbruch in Horta sicher. Wir segeln mit Nordwestwinden einen nördlichen Bogen um das nahe Cap Finisterre, wo sehr starke Winde herrschen sollen. Sebastian von Wetterwelt und Uwe von TransOcean/Intermar geben uns jeder zweimal täglich per Funk höchst präzise Wetterinformationen und Richtungsempfehlungen. Ziel ist es, mit möglichst wenig Ruderbelastung an unser Ziel kommen, und dabei das vorgelagerte dicht befahrene Verkehrstrennungsgebiet nördlich zu umfahren, um keine Ruderbelastenden Ausweichmanöver fahren zu müssen. Vermutlich unnötig, denn unser provisorische Ruderstange ist super stabil.

Statt Sorge um das Ruder treibt uns in den letzten Stunden vor der Ankunft die Sorge um, ob wir noch rechtzeitig für ein ausgiebiges Dinner ankommen werden. Wir wissen, wir dürfen endlich an Land, das Essen in Nordspanien ist fantastisch, die Spanier essen spät. Geplante Ankunftszeit 19 Uhr UTC, d.h. 21 Uhr local time. Müssten wir schaffen! Aber sicher ist sicher. In den beiden Stunden vor Ankunft wird der Wind deutlich weniger, wir motoren, um keine Zeit zu verlieren. Als Belohnung für unsere Anstrengungen begleitet uns eine große Delphinschule. Laut feuern wir sie an, sie springen nicht nur am Bug, sondern um das gesamte Schiff herum. Dann geht es noch unterwegs unter die Dusche und rein in frische Klamotten. Falls die Marina abgewrackte Schiffbrüchige erwarten sollte, wird sie überrascht sein über gut riechende, ausgehfertige Segler, die nur noch mit Handschuhen die Leinen belegen und dann nach ununterbrochenen 50 Tagen an Bord fluchtartig das Schiff verlassen werden.  

Vor Cap Finisterre was wir deutlich im Norden passieren – Seeschifffahrtsstraße mit dichten Schiffsverkehr voraus

Delfine
Die spanische Gastlandflagge wird vor dem Einlaufen gesetzt.
Ältester funktionierende Leuchtturm Europas vor A Coruna
Bereit zum ersten Landgang seit vielen Wochen
Ithaka im Real Club Nautico

19.30 Uhr. Im Real Club Nautico in A Coruna werden wir tatsächlich schon erwartet. Ein Boot geleitet uns zu einem sehr einfach anzulegenden Liegeplatz. Formulare sind schon vorausgefüllt. Der nur spanische sprechende Mitarbeiter bedeutet uns, dass alles bis morgen warten kann. Wir sind überrascht aufgrund dieser Vorbereitung seitens der Marina. Da hat Tina und Bernd Familie wohl perfekt im Hintergrund gewirkt.

Nach den ersten sehr wackligen Schritte auf festem Boden wird es ein legendärer Abend mit bestem Essen, Bier und Wein. Von allem sehr reichlich! Captain’s Dinner, als Dank für den Einsatz der Crew. Meine Crew behauptet einstimmig, ich hätte zum Abschluss einen Baileys vom Haus getrunken. Ich halte dies für absolut unwahr, denn den mag ich wirklich nicht! Leider kann ich mich nicht mehr 100%ig erinnern, bezweifle aber ebenso, dass die andern sich erinnern können.

Legendäres Dinner in A Coruna
NIcht mehr Bordküche mit Nudeln mit Ei…..
Altstadt A Coruna. Wir stützen uns. Denn der Boden schwankt zuweilen.

Am nächsten Tag informieren wir alle offiziellen Stellen über unsere sichere Ankunft. Wir erfahren dabei, dass die Rettungsleitstellen in Deutschland und sogar Spanien uns auf dem AIS Schirm (automatisches Schiffsidentifikation per UKW Signal) hatten und für einen eventuellen Noteinsatz vorbereitet waren.

Dann geht es los einen Betrieb zu finden, der uns eine neue Ruderstange baut. Die Überlegung, die gleiche Ruderstange beim Hersteller in Dänemark zu bestellen, verwerfen wir, denn wir vermuten eine unzureichende Dimensionierung oder Materialermüdung der Ruderstange als Grund des Bruchs. Im zweiten Anlauf werden wir fündig. Ein ordentlicher Metallbetrieb fertigt uns unverzüglich eine neue Ruderschubstange nach unseren Vorgaben. Das Rohr ist jetzt mit 4cm Durchmesser und somit viel massiver als vorher. Die Gelenke werden fachgerecht verschraubt und zusätzlich verschweißt. Das sollte für die Ewigkeit halten. Kosten 70 Euro. Der Einbau ist etwas trickreich, denn es muss noch mehr Platz geschaffen werden, damit das Teil eingebaut werden kann. Auch müssen natürlich die Justierung der Steuerung und die elektronische Kalibrierung vorgenommen werden. Am Abend ist alles fertig. Bernd und ich sind stolz und glücklich. Unsere Damen sparen nicht mit Lob und Anerkennung. Es folgt wiederum ein schöner Abend in A Coruna.

Neue Ruderstange
Fertig eingebaut

Das Wetter erscheint günstig, aber zeitlich sehr eng begrenzt für die Weiterfahrt. Am folgenden Morgen meint Wetterwelt, dass wir nach Durchzug einer stürmischen Kaltfront unverzüglich loswerfen sollen, damit der Westwind bis zum Ärmelkanal durchhält.  Die Front sei nur noch 60sm von A Coruna entfernt und wir sollten nach Abflauen der Böen noch am Abend starten. Also kein Stadtbummel mehr. Einkaufen, Schiff vorbereiten, technischer Check-up. Es bleiben uns nur wenige Stunden. Es meldet sich noch die Zeitschrift „Yacht“ bei uns und wir machen ein rasches Interview am Telefon. Sie schreiben einen Bericht über die Rolling-Home-Aktion von Trans-Ocean und wollen über unsere spannende Überfahrt zum europäischen Festland berichten. Wir sind gespannt, was dann in der nächsten Yacht-Ausgabe steht. Um 18 Uhr tanken wir nochmal und starten dann nach Norden in eine windreiche, dunkle Nacht mit bis zu 35kn Wind mit hohen Wellen deutlich über 3 Meter signifikante Wellenhöhe, was in Realität dann schon mal noch deutlich mehr wird. So stand das aber nicht in unserer Wettervorhersage! Der Vorteil: Wir rasen. Der Nachteil: Mal wieder keinen Schlaf für uns. Bei den Schiffsbewegungen kann man nicht mehr schlafen. Weiter nördlich in der Biskaya bremst uns eine kleine Wetterstörung. Flaute. Wir motoren hindurch. Dann wieder Starkwind. Nach 2,5 Tagen biegen wir mit 3 Reffs bereits in den Ärmelkanal ein. Rekordzeit. Natürlich mal wieder in der Nacht. Eingeklemmt zwischen der befahrenen Seeschiffsstraße an Backbord und dem französischen Festland und später den Inseln Guernsey und Alderney jagen wir durch aufgepeitschtes Wasser vor dem Wind nach Nordosten. Dabei müssen wir vor dem Wind kreuzen, was nicht so ganz einfach ist. Schlaf, nein.

Blick nach hinten auf die nächste Wellenwand. Die Welle langgezogen mit blauem Wasser. (siehe weiter unten Bild von Nordsee)

Im Kanal erwartet uns noch der Durchzug eines Sturmtiefs. Unser Wetterfrosch in Kiel alarmiert uns rechtzeitig. Die Funkwetterdienste von England und Frankreich rufen eine Gale Warning aus. Wir halten uns soweit südlich wie möglich, um möglichst wenig abzubekommen, denn Sturmböen von 40kn sind angesagt. Das Wetterrouting gibt stundengenaue Voraussagen über Wind und Welle. Wir kürzen die Segel entsprechend rechtzeitig, denn in der pechschwarzen Nacht sieht man keine Wolken. Irgendwie ist es fast schon schicksalhaft, dass schweres Wetter, schwierige Segelmanöver bei uns immer in der Nacht passieren, seitdem wir Martinique verlassen haben. Nach Durchzug der Front setzt dann Regen ein. Der kommt mit der Backstagsbrise von hinten ins Cockpit. Es ist jetzt nicht nur saukalt, sondern auch naß. Wir kreuzen nach wie vor vor dem Wind, die Seeschifffahrtsstraße knapp an Backbord, denn 180° platt vor dem Wind müssten wir von Hand steuern, um eine Patenthalse zu verhindern. Die großen Pötte sind nur wenige hundert Meter von uns entfernt. Steuerbord von uns lauern die Flachs. Höchste Aufmerksamkeit ist gefordert, weil ja auch noch die Fischerboote unseren Weg kreuzen und die zahlreichen Seezeichen sollte man auch nicht rammen.

Saukalt
und hundemüde

Wir preschen voran. Der Wind lässt zwischendurch nach und wir motoren. Es ist mal wieder Morgen. Der Regen hat aufgehört. Graue Wolken kräftiger Westwind, aber die Sonne beginnt sich zu zeigen. Graues aufgepeitschtes Wasser. Wir haben Bologne sur Mer querab und nähern uns der Engstelle Calais – Dover. Die Schnellfähren queren unseren Weg in raschen Abstand. Wir sind das erste Mal wieder alle im Cockpit zum Frühstück, weil endlich kein Regen mehr ist. Alle dick verpackt.

Ein graues Schiff hält achteraus auf uns zu. Wir bemerken es zunächst kaum. Ist wohl ein Fischer. Seltsam, dass der kein AIS-Signal abgibt. Dann nimmt er Fahrt auf, was wir an der Bugwelle sehen. Wir prüfen mit dem Fernglas das Schiff. Es ist ein französisches Marineschiff, später stellt sich heraus es ist der französische Zoll. 1 Seemeile hinter uns kommt dann prompt der Anruf per Funk. Wie wir es schon von Martinique kennen, klären wir alle Details über Schiff und Personen an Bord. Dann kommt die Ansage, dass sie zu an Bord kommen werden. Mittlerweile ist das Boot querab 100m von uns. Wir sollen Kurs und Geschwindigkeit halten. Wie soll das denn gehen? Wir preschen gerade knapp mit Rumpfgeschwindigkeit unter Segeln durch Wellen mit fast 2 Metern. Nun ja. Wir bereiten alles vor.

Per Kran lassen sie ein Schnellboot zu Wasser. Eine Truppe von Männern springt in das Boot, alle voll bewaffnet. Ihr Speedboot kommt an Steuerbord längsseits mit vollen Speed. Geschickt klettern 5 (!) Mann durch die geöffnete Reelingspforte, 2 bleinben im Beiboot. Ich heiße sie seemännisch und formell in Französisch an Bord willkommen. Der Kommandant klärt uns auf, dass sie vor allem auf Suche nach Drogen, Geld und Alkohol wären, es aber eine Routineinspektion sei. Während ich mit dem Kommandanten die Routineaspekte einer Zollinspektionen kläre, geht die Truppe und die Crew unter Deck und nimmt das Schiff teilweise auseinander. Aber alles tadellos. Keine Schikanen. Sie schauen vorsichtig in Schapps und unter Bodenbretter. Aber nichts wird durchgewühlt. Auch der Motorraum wird angeschaut. Ob sie denn nicht auch in den dahinterliegenden Elektro- und Pumpenraum gehen wollen, hier wäre der Schlüssel, fragt Angela. Nein, erwidert einer der Männer, das wäre wohl nicht nötig. Recht schnell sind 2 von den Männern wieder an Deck, die anderen folgen recht zügig. Leichenblas und schwitzend. Ziemlich heftig die Welle, meine ich zu ihnen. Sie nicken zustimmend. Jungs, seid ihr tatsächlich seekrank??? Oui! (Ja), erwidern sie.

Französischer Zoll nähert sich
Speedboot
5 Mann kommen an Bord
Es wird gesucht…
Es gibt nichts zu finden, weil selbst der Wein bis auf 5 Flaschen weggetrunken ist.

So schnell, wie sie gekommen sind, verschwinden sie wieder. Rasch wird noch gegenseitig das Untersuchungsprotokoll unterschrieben und mir eine Kopie ausgehändigt, die ich vorweisen könne, wenn nochmals der Zoll käme. Das orange Schlauchboot schiebt sich mit vollem Speed heran. Sie springen rein und weg sind sie.

Für uns geht es weiter. Richtung Ijmuiden. Wir zählen die Meilen. Nach der Meerenge Calais – Dover nimmt der Wind nochmal ordentlich zu auf 30 kn, eine steile Welle mit über 3 Metern macht es wirklich ungemütlich. So ungemütlich, dass einmal sogar das gesamte Geschirr, was spülbereit im Spülbecken liegt wie von Geisterhand herausgehoben wird und mit Wucht in Küche knallt inklusiv scharfer Messer und schweren Pfannen. Tina, unser Smutje, bringt sich mit einem Sprung in Sicherheit und flucht heftig und lautstark, ganz entgegen ihrer sonst so ausgeglichenen Art. Die Nordsee zeigt ihr Kräfte. Die Situation dauert noch fast bis Ijmuiden an. Eine halbe Nacht länger als kalkuliert.

Nordsee mit großen Pötten
Windparks
Der Blick nach hinten. Hohe und extrem steile Welle. Das Wasser ist grau. Wir sind in der Nordsee. (siehe weiter oben das Bild aus dem Atlantik)

Am 1. Juli um 7.45Uhr Uhr erreichen wir die Seaport Marina Ijmuiden. Seltsam, hier sind tatsächlich schon Leute wach und winken uns zu! Beim Näherkommen erkennen wir sie. Es sind tatsächlich Kira (Berns Tochter) und Jan mit dem kleinen Ole, die um 3 Uhr in der Nacht von Wuppertal losgefahren sind, um uns zu begrüßen. Sie haben ein Transparent aufgehängt „Ithaka. Wellcome back!“ und winken. Jetzt haben wir alle Pfützken in den Augen.

Die niederländische Gastlandflagge wird gesetzt. Macht Angela wie immer
Mole von Ijmuiden
Jan, Kira und Ole heißen uns willkommen
„We are the Champions… „

Wir haben es geschafft:
In Rekordzeit von 5,5 Tagen von A Coruna bis Ijmuiden
– 4648sm von St.Anne/Martinique bis Ijumuiden.

34 Tage auf See plus 3 Wochen vor Anker in Horta
– Durchschnittliche Geschwindigkeit 6,2 Knoten
– 248 Motorstunden

Maximale Geschwindigkeit 20 Knoten

Unsere Logge zeigt 11921sm seit unserer Abfahrt in Medemblik/NL im Jahr 2017.

Ausgiebig feiern wir im Standrestaurant Zilt aan Zee in Ilmuiden. Sowohl ein ausgiebiges Breakfast am Morgen und ein noch ausgiebigeres Dinner am Abend. Aber diesmal erinnere ich mich, was ich zum Schluss getrunken habe…Bessen Genever, eine holländische Spezialität.

Jetzt heißt es beide Schiffe aufklarieren. Die Festina Lente von Bernd und Tina muss ja wieder in Betrieb gesetzt werden und unsere Haushalte auf der Ithaka trennen sich wieder. Das war vielleicht die beste Erfahrung an der Reise, es so gut geschafft zu haben, mit Freunden solange (2 Monate) auf so engem Raum praktisch ohne Landkontakt zu sein. Und immer noch Freunde zu sein!

Tina glücklich zurück auf dem eigenen Schiff, Festina Lente
Bernd und Tina gehen von Bord
So gehen sie dahin…

Wir melden uns nochmal, wenn wir beide Schiffe am endgültigen Zielort am Ijsselmeer haben. Dann wird unsere Reise zu Ende sein. Natürlich gibt es noch eine Nachlese.

Bis dahin.

Christoph und Ithaka Crew

5 replies »

  1. Auch wenn ich mich wiederholen sollte😊: Ihr 4 könnt wirklich stolz auf euch sein! Eine bemerkenswerte Mannschaftsleistung, die unvergesslich bleiben wird!
    Vielen Dank für die wirklich schönen und kurzweiligen Berichte! Renate u. Norbert ( die Eltern v Jan )

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    • Wir gratulieren. Ihr seid die Besten! Hut ab, wie ihr alle Abenteuer bestanden, die vielen Nachtwachen durchgehalten, die Technik im Griff gehabt, die Seekrankheit durchgestanden, den Stürmen und Wellen getrotzt und dabei die gute Laune nicht verloren habt. Das ist ganz großes Kino und wir bewundern euch dafür. Wir wünschen euch noch eine gute, letzte Etappe und eine schöne Ankunft.
      Michi und Franz von der ATON

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  2. Whow! Was für eine Reise! Ihr seid einfach großartig. Wirklich beeindruckend, wie Ihr alle diese Herausforderungen so bravourös gemeistert habt. Und wunderbar berichten könnt Ihr auch. Vielen Dank und alles Gute, wir bauen auf das gute alte Sprichwort: you always meet twice …. LG Sibylle

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  3. Welcome back in Europe ! Was für eine Reise! Toll, dass ihr als Team diese Herausforderung mit den Naturgewalten gemeistert habt.
    Gutes Ankommen im Chiemgau…
    LGe, Anke

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