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40 Tage

Wenn uns jemand vorher gesagt hätte, dass wir 40 Tage zu viert an Bord auf knapp 15 qm sein würden, ohne einen einzigen Schritt an Land zu setzen, wir hätten gesagt: Unmöglich, das geht nicht! Das schaffen wir nie!!!!!! Wir brauchen Alternativen!

Aber wie es so schön heißt: Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben. Und wir sind anscheinend mächtig gewachsen! Komischerweise ist es letztlich gar nicht so schlimm, wie wir es uns vorher vorgestellt hätten. Die Stimmung ist nach wie vor gut. Wir gehen uns immer noch nicht gegenseitig auf den Wecker, auch wenn uns die Situation an sich natürlich mächtig stinkt. Immer noch können wir nicht los und auch nicht an Land. Man darf einfach nicht darüber nachdenken! Man darf einfach nicht darüber nachdenken, dass wir nach 40 Tagen ohne Landkontakt immer noch wie die Aussätzigen behandelt werden. Auch vorher waren wir ja schon 6 Wochen lang nur alle 3 Tage zum Einkaufen an Land.

Immer wenn einer von uns die Krise kriegt, sind 3 andere da, die trösten, passende Wetterfenster vorhersagen, ein weiteres Buch zum Lesen vorschlagen oder die Matten für die Gymnastik vorne am Schiff rausholen. Wir alle finden, wir kriegen das richtig gut hin! Unser Alltag hat sich unmerklich auf einen für uns alle gar nicht typischen Rhythmus eingependelt. Aufstehen tun wir inzwischen erst zwischen halb 11 und 11. Dann gibt es erstmal in aller Ruhe einen Kaffee bzw. Tee. Teilweise noch im Schlafanzug, weil man ja erstmal in Ruhe herausfinden muss, wie die Wetterbedingungen sind. Zum Brunch mit Müsli, Obst, Kartoffeln, Nudeln, Rührei, Brot, Wurst und Käse erscheint Bernd dann meistens mit kurzer Hose und T-Shirt, Christoph mit dicker Jeans, Skisocken und Fleecejacke. Das Temperaturen liegen irgendwo dazwischen, wie man unschwer an Tinas und meinen Leggins und Langarm-T-shirts erkennen kann. Dann wird ausgiebig gebruncht. Hauptdiskussionsthemen dabei sind 1. Das Wetter, 2. Das Wetter und 3. Das Wetter. Wie schön wird es wieder sein, wenn davon nicht mehr das Leben abhängt!!! Auf der APP Marinetraffic schauen wir dann, welche Schiffe Horta wieder verlassen. Immer noch sind das fast ausschließlich diejenigen, die ins Mittelmeer wollen, denn die haben den passenden Nordwind. Wir liegen hier auf Warteposition zusammen mit einigen Dänen, Schweden, Niederländern und Engländern, die wahrscheinlich alle in den Ärmelkanal wollen. Genau wissen wir das natürlich nicht, denn es ist ja streng verboten, das Dinghi ins Wasser zu lassen und sich zu besuchen. Gestern sind ein finnisches und ein englisches Boot tatsächlich Richtung Nordost gestartet!!! Wir haben das gesehen und beschlossen, einfach dazu zu stehen, dass wir Warmduscher sind und nicht wie die Wikinger sehenden Auges in ein Sturmtief fahren müssen.

Sturmtief, durch das wir hätten segeln müssen

Nach dem Brunch verziehen sich Christoph und Bernd zur ausgiebigen Wetteranalyse. Beide sitzen vor ihren Computern und laden verschiedene Wetterdaten und Forecasts herunter. Dann wird verglichen, diskutiert und die Segelstrecke bis zum Kanal simuliert. Seit fast 2 Wochen sind massive Widersprüche in den verschiedenen Wettermodellen zu beobachten. Aber wir wollen nicht zum 3. Mal ein paar Stunden vor Abfahrt den Start abbrechen müssen. Das fühlt sich fast so an wie bei den Raketen in Cape Canaveral! Es erfordert schon einiges an Vorbereitung, ein Schiff für eine lange Segelstrecke fertig zu machen. Segel, Rigg, alle Aggregate vorbereiten, Rundumcheck an Deck. Bei der Marina um Erlaubnis bitten, Diesel und Wasser tanken und den Müll entsorgen zu dürfen. Über Funk wird man dann informiert, wenn ein Platz frei ist. Einkaufslisten schreiben und verschicken; Einkäufe entgegennehmen, checken, was gekommen ist und was nicht, vorkochen Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, rutschfest und klappersicher verstauen. So hatte ich zum Beispiel vor dem letzten Start die Weinflaschen einzeln mit Luftpolsterfolie umwickelt und ganz unten in der Bilge verstaut, darüber Wasserflaschen, Eier und Obst. Und jeder von euch weiß inzwischen, was die Ithaka-Crew nach einem abgebrochenen Startversuch ganz dringend braucht! Also wieder Abtauchen in die Bilge!

Ithaka für 2 Stunden am Quarantänesteg vor dem zweiten Startversuch
Müllentsorgung
Gute Laune vor dem geplanten Aufbruch

Die Nachmittage verbringen Tina und ich meist mit Lesen und – wenn wir uns aufraffen können – mit Gymnastik an Deck, Christoph und Bernd mit kleineren Wartungen am Schiff, Schauen von Filmen (C.) und Entwerfen von Gleisanlagen für seine Eisenbahn (B.). Einen kompletten Nachmittag sind wir alle an Deck, um die Masse der hochgiftigen portugiesischen Galeeren zu beobachten, die an diesem Tag in das Hafenbecken gespült wird. Unverschämterweise haben sich die Biester mit ihren bis zu 50 m langen Tentakeln sogar an unsere Ankerkralle geheftet. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn wir das nicht gesehen und beim Ankeraufgehen die Leine angefasst hätten!

Fitness an Bord
Hochgiftige portugiesische Galeeren (Quallen)
Defekte Kabelverbindungen für Navigationslichter und Ankerwinsch müssen repariert werden
Eine korrodierte Kabelverbindung
Freizeitbeschäftigungen

Fast hätte ich vergessen zu erwähnen, dass natürlich schon bei dem ausgiebigen Frühstück besprochen wird, was Tina uns denn wieder zum Abendessen zaubern wird. Das ist ja immer das Highlight des Tages! Für die Menge an Weinflaschen schämen wir uns inzwischen nicht mehr sosehr, so dass die leeren Flaschen mittlerweile auch in durchsichtige Abfallbeutel gepackt und vorne im Ankerkasten verstaut werden.

Tina – Meisterköchin

Nachdem ich dann den Abwasch getätigt habe (kleiner Ausgleich für Tinas Kochkünste), geht es dann am späteren Abend um nichts Geringeres als die Weltherrschaft.

Rummikub – Es geht um die „Weltherrschaft

Ab und zu spielen wir Kniffel oder Kniffel-Extrem, aber unser erklärtes Lieblingsspiel ist Rummikup. Inzwischen sind wir richtig gut geworden, haben unsere eigenen Zusatzregeln entwickelt und schenken uns nichts mehr! Sogar die Stoppuhr kommt zum Einsatz! Gesternabend gingen zum 1. Mal alle Spiele ausschließlich an die Männer. Schon jetzt sind Tina und ich in Kampfesstimmung, um die Weltherrschaft wieder in die Hände der Frauen zu bekommen!

Ehe man es sich versieht, ist es dann Mitternacht und wieder ist ein Wartetag vorbei.

Bewegungsarmut, zu viele Kohlehydrate in fester und flüssiger Form und Stress fordern bei Christoph ihren Tribut. Seine leicht grenzwertigen Blutzuckerwerte schießen über das Ziel hinaus. Ärztin-Schwester Ursula empfiehlt dringend, vor einer Weiterfahrt einen Arzt zu konsultieren und die passende Medikation verschreiben zu lassen. Was für ein Abenteuer!!! Da will doch tatsächlich einer der Aussätzigen an Land!! Zunächst versucht ein Arzt in Horta per Telefon, die Messwerte zu verharmlosen. Untersuchung und Behandlung seien nicht erforderlich. Christoph insistiert, das kann er ja recht gut. Schließlich wird er dann doch an Land gebracht, von der Polizei bewacht zum Sanka (!!!) eskortiert, wo 2 Männer in Virenschutzvollmontur ihn in Empfang nehmen und ins Krankenhaus auf die völlig verlassene Corvid-19 Intensivstation bringen.

Die Jungs von Peter Cafe holen Christoph ab

Dort wird er von Marsmenschen in Empfang genommen. Trotz seiner Gummihandschuhe und Schutzmaske wird er angewiesen, nichts anzufassen und Abstand zu halten. Alles sehr professionell, aber unwirklich. 2 Fälle von Covid 19 hätten sie bisher gehabt, aber die seien schon vor Wochen genesen, erklärt ihm eine deutschsprechende Krankenschwester. Man hätte die Station nur seinetwegen wieder geöffnet und hochgefahren. Als der Arzt hört, dass Christoph seit 6 Wochen das Schiff nicht verlassen hat, verzichtet er doch auf einen Coronatest. Es gibt also auch hier Leute mit gesundem Menschenverstand! Er gibt grünes Licht. Sofort reißt sich das Personal die Virenschutzkleidung vom Leib. Er wird ganz normal untersucht, das passende Medikament wird verschrieben. Dann der Rückweg, noch spannender: Die Polizei besteht auf einen Rücktransport zum Hafen per Krankenwagen und voller Schutzmontur für alle Beteiligten. Arzt, Krankenhausverwaltung und Behörden telefonieren intensiv. Schließlich setzt der Arzt sich durch und nimmt es auf seine Kappe, dass Christoph statt mit dem Sanka mit dem Taxi zurück zur Marina fahren kann. Auf Seiten der Marinepolizei führt das zu einem Aufschrei! Aber es war ja nicht Christophs Entscheidung.

Virenschutzkleidung bis klar ist, dass Christoph kein Coronavirus Patient ist
Coronavirus Intensivstation Horta – menschenleer

Abends um 8 Uhr bitten wir die Marina um Erlaubnis, kurz Ankerauf gehen zu dürfen, um unseren Skipper am Quai abzuholen. Aber nur am Quarantänequai! Natürlich! An etwas anderes würde keiner denken! Ganz souverän legt unser 1. Offizier Ithaka mit dem Heck an die Pier und der Captain steigt über die Reling. Wieder mit vollständiger Crew suchen wir den besten aller Ankerplätze und lassen über 40 m Kette raus, um die angekündigten 42 Knoten Wind in Ruhe abwettern zu können. Aber anscheinend verbringen wir die Nacht im Auge des angekündigten Tiefs, es herrscht Flaute mit heftigen Regenfällen und heute haben wir einen strahlend blauen Himmel.

Ankerauf um den Skipper vom Qurantänesteg abzuholen

Wir beobachten das Wetter weiter. Drückt uns die Daumen für unsere Weiterfahrt. Wir brauchen irgendwann WESTLICHE Winde!!!

Alles Liebe, Angela und die Ithaka-Crew

Post Skriptum: Vielen Dank für manche Glückwünsche für unseren Landgang. Ja, die Bestimmungen haben sich gelockert. Aber so einfach ist das hier nicht! Wir haben schriftliche Anträge stellen müssen, um zu einem Coronatest zugelassen zu werden. Heute haben sie begonnen zu testen. Zuerst sind verständlicherweise die Boote mit Kindern dran, dann folgen medizinische Indikationen. Danach die, die schon lange hier sind, wie z.B. wir. Die Testkapazitäten reichen für ca. 6 Boote pro Tag (bei ca. 60-70 Booten)!!! Da sie hier kein Labor haben, müssen die Proben auf die Hauptinsel der Azoren gebracht werden. Die Auswertung dauert bis zu 72 Stunden. So gerne wir an Land möchten, hoffen wir doch sehr, dass wir vor der Erlaubnis zum Landgang ein günstiges Wetterfenster für unsere Heimreise erwischen!

2 replies »

  1. Gut gemacht, Leute, Sie scheinen dieses Wartespiel völlig unter Kontrolle zu haben und drücken die Daumen für die Kreuzung. Wir haben auch mit Border Force (Zoll) gesprochen und sie sagten, es sei nicht wahr, dass Falmouth und Portsmouth die einzigen Häfen sind, in denen alle englischen Häfen verfügbar sind.

    Helen & Steve xx

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  2. Ihr Lieben, man liest Euren Bericht… stutz, liest nochmals und kann einfach nur völlig ungläubig den Kopf schütteln. Das gibts doch nicht, rufen wir ein ums andere Mal. Und meinen da bestimmt nicht Euer tapferes Zusammenleben an Bord! Nein, der Umgang von Aussen mit Euch entsetzt. Was machen die dort, sollten sie irgendwann tatsächlich mit einer gefährlichen Seuche konfrontiert werden?? Nicht auszudenken. Und ihr müsst einfach mitspielen in dieser Posse. Ja, wir drücken noch einen Zacken kräftiger die Daumen, dass ihr aus dieser Ecke wegkommt. Haltet durch! Herzliche Grüsse von Bord der SY Vairea aus Aruba

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