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Segeln in den südlichen Windward Islands

„Sie haben am 31.Mai in Union Island ausgecheckt und sind hier in Carriacou, was nur 12 sm, also 2 Stunden, entfernt ist, am 5. Mai angekommen. Was haben Sie in der Zwischenzeit gemacht?“ fragt mich der Immigration Officer (hier übersetzt). „Wir sind erst zwei Tage später von Union Island abgelegt und sind dann bis Sandy Island gesegelt“, antworte ich fast wahrheitsgemäß. „Wenn Sie in das Staatsgebiet von Grenada kommen, wie Sandy Island, müssen Sie unverzüglich zur Einwanderungsbehörde nach Carricaou. Es ist nicht erlaubt, zwischendurch in unserem Hohheitsgebiet zu ankern. Das sollten Sie eigentlich wissen“, sagt der Officer streng und schaut mich durchdringend durch seine goldumrandete Brille an. Er setzt nach: „Wir müssen dies im Zweifelsfall als illegale Einwanderung betrachten, was eine Strafe von bis zu 10.000 US$ zur Folge hat.“

Sandy Island – Ein Paradies über und unter Wasser, wie wir es in dieser Form zum erstenmal in der Karibik sehen.

Kurze Verständigung mit Blickkontakt zur Angela. „Wir hatten einen Notfall, denn wir hatten Wasser im Schiff und konnten nicht weiterfahren,“ entgegne ich wiederum absolut wahrheitsgemäß. Die Tatsache, dass wir erst an dieser paradiesischen Insel geankert haben und dann den Wasserschaden festgestellt habe, hatte ich dabei irgendwie durcheinander gebracht.

„Und sie haben 2 Tage gebraucht, um das Wasser aus dem Schiff zu bekommen“, fragt er sarkastisch. Ich erkläre ihm darauf, dass der Duschhebel sich geöffnet hätte, weil meine Frau noch vor der Abfahrt ein schmutziges Handtuch auf den großen Wäschehaufen in der vorderen Dusche geworfen hatte, dort wo auch Staubsauger und andere Dinge stehen. Und weil der Duschhebel blöderweise nach oben steht, wäre das Handtuch dort hängen geblieben und dann wäre der Hebel eben aufgegangen, dann wären 200 l Trinkwasser ausgeströmt, erst auf den Wäschehaufen und den Staubsauger und dann nach Überlauf aus der Duschwanne, ins Bad geflossen und von dort, weil die Badezimmertür völlig dicht schließt durch das Warmluftheizungsrohr, zu dem Wärmetauscher, und der dahinterliegenden Elektrik und dann weiter durch die Warmluftverrohrungen zu Stellen im Schiff, wo das Wasser nicht hindarf. Das Ganze wäre eine riesen Sauerei gewesen und hätte mich 2 Tage harte Arbeit gekostet, weil ich den vorderen Teil des Schiffes weitgehend ausbauen musste. Ich schmücke diese 100% ehrliche Geschichte an der einen und anderen Stelle noch etwas aus. Lege etwas Dramatik in meine Worte und Inhalte hier und da und beende meine Worte, dass eine Weiterfahrt unmöglich gewesen wäre, ja ich wäre sogar eine Gefährdung der allgemeinen Schifffahrt geworden. Somit musste ich erst die Sicherheit der Elektrik und damit der Navigation wiederherstellen, bevor ich weiterfahren konnte. Das Auspumpen des Wassers an sich wäre natürlich eine Kleinigkeit gewesen.“ Der Officer lauscht meinen Ausführungen genau. „Das war ja eine ganz üble Sache und sicherlich ziemlich schwierig, wieder alles zu reparieren,“ sagt er dann mit einer eher besorgten Miene. „Sie hätten uns aber zumindest per Funk oder Telefon verständigen müssen, das wissen Sie schon, sagt er dann noch“. Ich stimme ihm zu und ergänze, dass meine Frau und ich so viel Stress in den Tagen gehabt hätten, dass wir das völlig vergessen hätten. Es wäre uns aber eine Lehre und wir danken, dass er uns das so freundlich erklärt hätte. Dann stempelt und unterschreibt er die Pässe und zahlreiche Papiere, kassiert noch umgerechnet 30 Euro Gebühr, entlässt uns und wünscht einen schönen Aufenthalt in Grenada.

Einige Tage später. 5:30 Morgengrauen. St. George, Grenada. Wir liegen auf Reede. Leichter Wind einige Fallböen. Bewölkt. 28 Grad. Wasser und Lufttemperatur. Wir haben eine erste Grenze der sommerlichen Hurrikanzone erreicht und das Testsegeln für Angela erfolgreich abgeschlossen.

Grenada, St. George Hafen. Hier sind wir bei der Milleniums Kreuzfahrt am 1.1.2000 eingelaufen. Schöne Erinnerungen kommen hoch

Nach ihren Operationen musste Angela ganz vorsichtig das Segeln erst wieder testen. Was ist die beste Sitzhaltung? Wann tut der Rücken weh? Treten die Nervenschmerzen im Bein wieder auf? Kann sie die Winschen und Leinen bedienen? Wie muss sie dazu sitzen oder knien? Neben der physischen Belastung lasten Unsicherheit und Angst auf ihr. Die Angst, in den Schiffsbewegungen bei großen Wellen umgeworfen zu werden bzw. nur eine ungeschickte Bewegung zu machen und sich dabei möglicherweise wieder am Rückgrat zu verletzen und wieder bewegungsunfähig zu werden und wieder Schmerzen zu haben, sitzt wirklich tief. Die frühere Sorglosigkeit und Fröhlichkeit sind leider weg. Sicherheit und Zuversicht müssen in kleinen Schritten erst wiederaufgebaut werden.

Vorsichtige Manöverhaltung

Wir versuchen, uns auf dem Schiff nach der langen Auszeit wieder einzugewöhnen und uns auch aneinander unter Bordbedingungen zu gewöhnen. Die 3 Monate waren doch eine größere Zäsur in unserem Leben, als wir ursprünglich dachten. Wir versuchen, an Bord und beim Segeln zu entspannen und es gelingt uns über die Zeit auch schon viel besser. Auch die längeren Segelstrecke mit 9 Stunden, die in der Welle eine körperliche Belastung darstellen könnte, konnte Angela wirklich gut meistern: Zunächst in Schonhaltung sitzend oder liegend auf der Cockpitbank in Lee, dann ab und zu auf Manöverposition hinten auf der Steuermannsbank, dann mitarbeiten an den Segeln und zuweilen auf der hohe Kante außerhalb des Cockpits, dann wieder liegen zur Entspannung. Heute nach unserem Inselhopping, von Martinique über die Hotspots von St. Lucia, Bequia, Mayreau, Tobago Keys, Union Island, Canouan, Carricaou bis Grenada funktionieren für Angela die Arbeiten an Winschen und Leinen wieder gut. Schwer erreichbare Leinen außerhalb des Cockpits bediene ich.

Fast kitschige Sonnenuntergänge in Bequia (Farben sind echt)
Traumhafte Ruhe zum Sonnenuntergang in Union Island

Wir haben Traumsegelbedingungen. Nachdem die Passatwinde auf dem Atlantik im Sommer jetzt schwach sind, sind Wind und Welle im Karibischen Meer deutlich geringer als im Winter. Südostwinde herrschen vor. Das beschert uns beste Segelbedingungen mit vorwiegend Halbwindkursen mit 5 Beaufort auf dem Weg nach Süden. Das mag das Schiff ganz besonders. Es ist immer wieder erstaunlich, wie stabil es auf diesen Kursen selbst bei Welle ist. Das Schiff legt sich deutlich auf die Seite und pflügt dann durch die Wellen, als ob sie nicht da wären. Nur ein Heben und Senken im Rhythmus der Atlantikdünung. Das Schiff liegt völlig ruhig. Kein Knarren, kein Klappern, vollständige Ruhe. Nur den Wind im Rigg und das Klatschen der Wellen hört man. Völlige Ausgewogenheit aller Kräfte über und unter Deck. Das sind Momente, wo sich Zuversicht und Vertrauen zum Segeln wieder einstellen. Vor St. Vincent wird es dann mal ziemlich ruppig mit Kreuzseen, aber das dauert nur 3 Stunden. Es ist Traumsegeln pur.

Fast alleine in Buchten, wo sonst Dutzende von Schiffe ankern

Wir schaffen uns aktiv schöne Momente an Land und an Bord. Die sonst mit Schiffen vollen Buchten sind nun weitgehend leer. Nur einige wenige Nachzügler sind noch unterwegs. So wie die SY Vairea mit Daniel and Martina aus der Schweiz. Martina hatte sich im Januar das Knie gebrochen. Auch hinter ihr liegen viele Wochen Reha. Angela und Martina teilen das gleiche Schicksal mit den gleichen Sorgen und Ängsten.

Fisch vom vorbeifahrenden Fischer wird sorgfältig für schöne Dinner vorbereitet

Wir ankern überall problemlos und machen Strandspaziergänge an herrlichen, einsamen Stränden, die sonst voll sind. Die Inseln ohne eigenes Süßwasser schauen aber trist aus. Es ist alles verdorrt. Die sonst übergrüne Vegetation ist einem weitgehenden vertrockneten, blattlosen Buschwerk gewichen. Grün sind nur noch die Palmen und einige immergrüne Bäume. Die Saison ist vorbei. Man sieht es überall.

Salt Whistle Bay – Mayreau
Salt Whistle Bay – Mayreau
Ein Bier zum Sonnenuntergang
Ithaka vor Anker – alleine
Ein lokaler Supermarkt
Vertrocknete Vegetation

Von einem Fischer in Canouan kaufen wir 4 Red Snapper und schenken ihm auf seine Nachfrage die übriggebliebenen, viel zu großen Tauchflossen von unserem Freund Heinz. Der Fischer ist so dankbar, dass er am nächsten Vormittag wieder vorbeikommt, gleich nochmal 4 Red Snapper bringt und dazu 4 frisch gekochte Lobster, die wir gemeinsam mit ihm um 10 Uhr vormittags mit kühlem Weißwein genießen. Da können wir trotz Schonzeit nicht nein sagen! Angela fragt ihn, ob er Familie hat, was er verneint. So konnte sie sich dann besser erklären, warum alles an ihm so schmutzig war. Als er die Ithaka verlässt, schrubbt sie erst einmal die Bank im Cockpit.

Fischer William in Canouan
4 Lobster um 10 Uhr Morgens mit Weisswein

Danach legen wir ab und verholen uns zu den Tobago Keys, denn wir haben hier in Canouan auch die Schattenseite des Paradieses kennengelernt. Erst am Abend, nachdem der Anker gefallen war, erfuhren wir, dass eben diese Bucht von Canouan wegen regelmäßiger Raubüberfälle sehr gefährlich ist. Folglich schliefen wir in dieser Nacht abwechselnd im Cockpit, bewaffnet mit Blendscheinwerfer, Pfefferspray und Schlagstock.

Der Fischer bestätigt uns diese Maßnahme als sehr sinnvoll, denn in der Tat würde ein ehemaliger Häftling hier regelmäßig Boote überfallen und ausrauben. Das wäre schlecht für sein Geschäft, aber man könne halt nichts machen…. (Einige Tage später lernen wir in Carricacou ein junges Paar aus der Schweiz kennen, die uns berichten, dass sie in eben dieser Bucht von Canouan am Vorabend überfallen wurden. Glücklicherweise konnten sie den Räuber vertreiben, da sie mehrere an Bord waren.) Wir haben also richtig gehandelt.

Jede Nacht wird das Beiboot hochgezogen zur Sicherung gegen Diebstahl
Kiter mit Foils direkt vorbei am Schiff. Spektakulär.
Ab und zu ein Dinner an Land, denn es ist wirklich teuer hier

Leider kommen uns – wie schon im letzten Beitrag beschrieben – nach wie vor technische Schwierigkeiten an Bord entgegen. Das Klima bekommt unserem Schiff nicht gut. Zu warm, zu viel UV-Strahlung, und vor allem zu wenig Kühlung an kritischen Punkten im Schiff.  Darüber sind wir ehrlich enttäuscht. Unser Freund Bernd meint, wir hätten halt doch eine BAVARIA kaufen sollen wie er, denn er hätte keine Probleme wie wir. Hat er vielleicht Recht? Überglücklich, dass gerade alles wieder funktioniert, kommt die Wasserstory von Sandy Island wie oben beschrieben.

Segeln bei ruhiger See. Ich warte, dass ein Fisch anbeisst. Vergeblich!

Offiziell hat die Hurrikansaison am 1. Juni begonnen. Wir müssen jetzt das Wetter genau beobachten, denn auch in den frühen Sommermonaten können tropische Stürme entstehen und im Moment tendenziell sogar über dem südlichen Karibischen Meer. Von Juli bis November wären wir dann bei Schäden durch einen solchen tropischen Sturm nicht mehr versichert. Wir müssen also weiter, nämlich südlich von 10 Grad nördlicher Breite. Das ist südlich von Trinidad, nämlich Venezuela. Da sind aber die Piraten. Oder Panama. Selbst die niederländischen Antillen, wo der letzte Hurrikan irgendwann vor 100 Jahren war, reichen dem Versicherer Pantaenius nicht aus. Wir versuchen zu verhandeln. Vergeblich. Also werden wir uns wahrscheinlich nach einem Aufenthalt in Grenada aufmachen und weitersegeln Richtung Bonaire, Curacao und Aruba mit Fluchtoption Panama. Oder wir gehen auf Risiko und bleiben hier, so wie das viele andere Segler auch machen.

Wir werden sehen….

Summary for our English speaking friends and followers:

We have completed our island hopping from Martinique, St. Lucia, Bequia, Mayreau, Tobago Keys, Union Island, Canouan, Carricaou and finally Grenada. We are now in St. George at anchor which is a first border to the Hurrican area, as tropical storms are very seldom in the South of this island. We found amazing sailing conditions with good winds and only little waves on our way down here. After her surgeries, Angela had to test and practice her sailing abilities. How to move best? Does the pain come again? What is the best position to sit? She mastered everything very well, even better than expected. But the anxiety that the pain or inability to move come back are always present. It will still take a long time to overcome memories and get back to the former confidence.

We are starting to enjoy life back on board again, which has not been so easy. The past 3 months with hospitals, recovery, separation, family issues have left traces with both of us. Technical issues on the boat due to heat, high UV radiation and just not enough ventilation on critical technical parts add negatively to the situation. But we are confident to master everything. We just need more time.

The low season allows us to explore wonderful empty bays and beaches. Fish from local fishermen provide us excellent dinners for little money, and we master the dark sides of the paradise with known robberies in the bay of Canouan by going on nightwatch.

Being in Grenada we now have to explore with other sailors what to do next to stay away from tropical storms. Will we move on to the ABC Islands 3 days further West and then potentially further 3-4 days South West to Panama which is the only spot where we are insured in case of Hurricans during the summer period?

We will see.

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