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Es ist Zeit zu gehen

Wir danken Euch allen für die vielen guten Worte und Wünsche, auch wenn es schmerzt, jetzt ist es Zeit zu gehen. Wir lassen so viele liebe und fröhliche, aber auch kranke und traurige Menschen zurück, dass uns der Abschied schwer fällt.

Bevor wir aufbrechen, wollen wir viele nochmal sehen. Wir müssen uns vergewissern, dass wir gut mit Ihnen verbunden sind. Familie, Freunde und Nachbarn werden besucht. Wir brausen zwischen unseren Vorbereitungen quer durch Deutschland und füllen Bauch und Herz gleichermaßen.

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Liebe Freunde, zu denen wir gerne zurückkehren werden

Im Rahmen unserer Vorbereitungen tauchen Menschen hinter den Gesichtern auf, die wir nur eher oberflächlich vom Sehen kennen. Unsere zunehmenden Aktivitäten schüren das Interesse unseres Umfelds:

„Na, schon wieder ein Paket nach Portugal?“, fragt die freundliche Frau an der Post.

„Warum brauchen Sie denn alle Brille doppelt?“, will der aufmerksame Optiker wissen.

„Wieso verlängern Sie denn Ihren Pass jetzt schon, der geht doch noch über ein Jahr?“, merkt die nette Dame von der Gemeindeverwaltung an.

Wir lernen viele besser kennen und tauschen Gedanken und Erfahrungen des Lebens aus. Und unser Ort Aschau mit seinen Menschen wächst uns durch diese persönlichen Gespräche noch mehr ans Herz.

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Der Ratskeller, unser Stammlokal, wird zentraler Punkt für Verabschiedungsessen und lange Gespräche. Katrin, Steffi und Danny bemühen sich wie immer um unser leibliches Wohl und das unserer Gäste. Wie sehr werden die 3 hübschen bayerischen Mädels vermissen!

Wir wollen auch noch ein paar Family Deep Dives mit unseren Kindern machen: Also ein Wochenende mit Anna und Freund Gabriel bei uns. Was für kreative Köpfe die beiden sind!  Wir diskutieren über Geschäftsmöglichkeiten im Bereich Mode und Design in Verbindung mit dem Megatrend Tattoo. Wir lauschen und lernen.

AuG

Dann ein Ausflug zu Sohn Jonas und Freundin Marthe, die wir noch gar nicht kennengelernt haben. Wir sind neugierig, aber das dürfen wir ja nicht zeigen. Die beiden zeigen uns Heidelberg und ihr Leben näher, so können wir Marthe gut kennenlernen. Wir sind begeistert.

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In mitten von heißen und fröhlichen Stunden in Heidelberg, verändert sich die Lage plötzlich:

Donnerstag: Notruf aus Garmisch von meinen Schwestern. Vater und Mutter, beide in den 90zigern, im Krankenhaus, am gleichen Tag nur wenige Stunden hintereinander. Die Situation ist extrem ernst. Anwesenheit erforderlich Freitag.. Ab nach Hause. 435 PS fegen den Highway leer.  Wir sprechen nur wenige Worte. Aber es steht im Inneren des Wagens. Was wird mit meinen Eltern? Was wird aus unseren Plänen?

Freitag  Morgen: Downtown München. Besprechung mit dem Treuhänder. Es geht um die letzten wichtigen Dinge, die nicht aufgeschoben werden können. Notarielle Vollmachten, Testament und ähnliches. 7:45. Parkplatzsuche.

8:00: Anruf der Tochter. Verzweiflung. Kein Gefühl in Armen und Beinen in der Nacht.  Sie rät sofort zum Arzt zu gehen. Das klingt nicht gut.

8:30: Besprechung mit unserem Treuhänder.

8:45: Anruf aus Garmisch von einer meiner Schwestern. Die Nacht der Eltern war katastrophal. Ob ich schon auf dem Weg nach Garmisch bin? Nein, noch nicht. Wir sind aber gleich auf dem Weg. Ich gehe zurück in die Besprechung.

9:00: Anruf der Tochter beim Arzt. Angela geht raus. Bei der Symptomatik kann die fatale Krankheit Multiple Sklerose nicht ausgeschlossen werden. Unverzüglich Untersuchung von Kopf und Wirbelsäule ist erforderlich. Tochter völlig verzweifelt. Angela beruhigt und gibt Orientierung jetzt einen Neurologen aufzusuchen und MRT Termin zu organisieren. Angela geht zurück in die Besprechung.

9:15 Anruf meiner Mutter. Vater hat einen Nervenzusammenbruch. Ich bin jetzt vor Ort schnell erforderlich, weil ich der einzige in der Familie bin, der mit Vater wirklich auch über kritische Dinge emotional sprechen kann. „Nein, wir sind gleich fertig hier, bin dann sofort in Garmisch.“ „Ja ist gut.“ Ich gehe zurück in die Besprechung.

Nerven behalten, wenn es kritisch wird, das können Angela und ich sehr gut. Unsere Arbeitgeber wussten dies immer sehr zu schätzen. Das Gespräch wird rasch zu Ende gebracht. Sehr schade, denn unser sympatischer Treuhänder weiß das gute Gespräch zu schätzen und ist ein kluger Mann mit dem man sich sehr gut unterhalten kann, auch wenn er eine Weltumsegelung gar nicht nachvollziehen kann.

„Kann man jetzt in Italien und Spanien nicht auch segeln?“, ist einer seiner spöttischen Kommentare.

Wieder zeigen die 8 Zylinder mit 2 Turboladern, was sie können. Anruf der Tochter: Nächster Termin im MRT erst in einer Woche! Tochter völlig verzweifelt. Angela mobilisiert unser Netzwerk. Der Audi prescht währenddessen nach Süden. Es ist ein herrlicher Sommertag, sonnig und warm. „Was für ein Scheißtag im Paradies!“, denke ich mir, weil sagen darf man so etwas ja nicht. „Scheiß Baustellen,“ sage ich zu Angela, weil´s stimmt. Sie stimmt mir zu und telefoniert wie eine Weltmeisterin. „Ok, MRT bereits morgen. Dank Freund Stefan!“, sagt sie zu mir nach einiger Zeit und informiert die Tochter ruhig, während wir mittlerweile völlig verunsichert sind.

Lagebesprechung vor Ort im Krankenhaus in Garmisch.  Dann mein persönliches vertieftes Gespräch mit jedem meiner Eltern einzeln: Es geht ums Leben und es geht um das Sterben und den Tod.

Freitag abend zurück. Wir sind emotional angeschlagen. Ab in den Ratskeller. Wir brauchen Nahrung und Flüssigkeit.

Montag: Operation der Mutter. Ich hole sie aus der Narkose und gebe erste Orientierung danach. Ich betreue den Vater, dem es mit Vorhofkammerflimmern und Nervenzusammenbruch fast schlechter geht als meiner Mutter nach einer schweren 3 stündigen Operation. Schon der Anblick meiner lieben Eltern in dieser Situation mit Schläuchen und Kabeln, kaum ansprechbar, belastet mich sehr.

Meine tüchtigen, stets präsenten und aufopfernden Schwestern vor Ort übernehmen in den Nachmittagsstunden. Am Abend zurück nach Aschau. Der Biergarten des Ratskellers bringt Ruhe.

Dienstag: Wir müssen Anna ins MRT begleiten, da sind wir uns einig. Also auf nach München. Alles gut am Ende des Tages. Der Befund ist negativ. Also positiv für alle. Doktor Freund Stefan bestätigt: “Also von vielleicht 50 möglichen Diagnosen ist die Schlimmste ausgeschlossen. Alle anderen 49 möglichen Diagnosen können therapiert werden.“ Also ihr könnt los. So lautet sein Statement. „Im anderen Falle hättet ihr alles absagen müssen“, ergänzt er. Wir üben noch ein bisschen Infusionen legen mit ihm und beenden den Tag.

Es folgen Tage zwischen Garmisch und Aschau. Die Pflege der Eltern nach der Rückkehr aus dem Krankenhaus wird festgelegt. Das Haus der Eltern muss medizinisch noch weiter hochgerüstet werden mit Krankenbett, Sauerstoffversorgung, Rollstühlen, etc. damit eine Pflege zu Hause möglich ist.  Mal wieder leisten meine Schwestern außerordentliches in jeder Hinsicht.

Die Eltern erholen sich in den kommenden 2 Wochen und stellen sich wie schon so oft als medizinische Wunder heraus. Pflegerin Krystina leistet ganzen, liebevollen Einsatz. Ich spreche die Lage mit meinen Eltern durch. “Legt los”, sagen sie. Hier könnt ihr nichts mehr für uns tun. Es geht jetzt wieder. Vielen Dank für euren Einsatz und Unterstützung.

Somit machen wir auch den letzten Schritt für uns klar. Wir übergeben unser Haus an unsere Mieter Wolfgang und Joanna.

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Die letzten Pakete werden aufgeben mit Destination Portugal Lagos. Das Auto wird übergeben. Die letzten Sachen werden, verschenkt oder gehen auf den Wertstoffhof.

Dann ist es soweit. Kollegin und Freundin Nadine steht mit dem Wagen vor dem Haus und holt uns am Vorabend des Fluges ab.  120 kg Gepäck werden eingeladen. Eine letzte Umarmung mit unseren Mietern. Ein letzter Blick auf das Haus. Und auf geht’s. Noch ein letzter sehr herzlicher Abend bei Sauers mit griechischem Essen und am knisterenden Holzfeuer. Nächster Morgen Abflug nach Faro – One Way Flight.

Nicht ganz….

2 Wochen knallharte Arbeit an Bord. Unser Leben in 6 Umzugskarton per Post von Aschau und 4 Taschen Fluggepäck müssen an Bord eingeräumt werden, aber so dass alles griffbereit ist und auch wiedergefunden wird. Eine schwierige und schweißtreibende Arbeit im heißen Portugal in diesen Tagen. Das ganze Schiff wird nochmal auf den Kopf gestellt.

Chaos

Die Werft hat gute Arbeit geleistet, aber im mediterranen Stil noch nicht alle Arbeiten fertig. Nicht ok. Also nochmal Arbeiten festlegen und die Ausführung vor Ort überwachen. Zeitdauer 2-3 Wochen. Ungünstig!!

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Poliert und gestrichen mit Coppercoat – tadellos. Nur einige kleine Details fehlen: Der hydraulische Achterstagspanner muss noch repariert werden, eine 60 bar Hochdruckleitung abgedichtet werden, ein Schalter hier, eine Gelcoatreparatur dort, usw.

Die Situation eskaliert wieder:

Anruf aus Garmisch von meiner Mutter am Freitag. „Es wäre günstig, wenn du am Sonntagnachmittag hier sein könntest und möglicherweise 1-2 Tage vor Ort sein könntest“, sagt sie mir am Telefon. „Alles Weitere vor Ort, wir müssen die Situation hier ändern, es geht so nicht!“. Ok, klare Ansage meiner Löwenmutter. Meine angeheiratete Löwenfrau macht die Ansagen nicht immer so zurückhaltend. Aber ich bin Löwendompteur und weiß damit gut umzugehen.

Also Rücksturz zu Mutter Erde, aber nicht mit dem Raumschiff Orion (das ist jetzt für die reiferen Leser) sondern per Lufthansa. Mietwagen nach Garmisch. Familienkonferenz mit meiner Mutter im Vorsitz und meinen Schwestern. Klare Ansage meiner Mutter: Sie möchte zusammen mit meinem Vater in ein Alten- und Pflegeheim. Um die Pflege daheim zu gewährleisten wären nunmehr 2 Pflegekräfte notwendig, weil Vater nun auch eine Nachtwache benötigt. Sie selber ist zu schwach, um die ganze Haushalts-organisation zu leisten trotz der aufopfernden Hilfe meiner Schwestern und der heutigen Pflegekraft. Wir werden gebeten, dies kurzfristig umzusetzen. Die ersten Schritte liegen bei mir, Pflegeheim finden, unmittelbare Verfügbarkeit sicherstellen, Verträge machen und diesen Schritt meinem Vater mitteilen, der sich immer schon gegen ein Pflegeheim gesträubt hat.

Hier ist meine Profession als COO gefordert. Ich setzte diese schwerwiegende Maßnahme in den folgenden 48 Stunden um. Ich besuche mit meiner Mutter die besten Alten- und Pflegeheim vor Ort und bekomme tatsächlich sogar 2 perfekte Zimmer. Der Umzug wird dann 2 Wochen später erfolgen, was meine Schwestern Gott sei Dank regeln werden. Ich bespreche mich mit den Eltern, ob ich unsere Pläne absagen soll oder nicht. Klare Löwen- und Stieransage: “Verwirkliche deinen Lebenstraum und mach dein Ding! Bitte!” Mittwoch fliege ich zurück und schreibe unterwegs diese Zeilen. Es ist mir eng ums Herz.

Bis bald…

CEO (Chief Emotional Officer)

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2 replies »

  1. Hallo ihr Lieben,
    Ach herrje- da habt ihr ja schon eine anstrengende Zeit hinter euch!! Wie geht es Anna? Hoffentlich besser!!! Ganz liebe Grüße an sie!
    Toi, toi, toi für Christophs Eltern!
    Ich drücke euch die Daumen, dass das Ersatzteil bald ankommt!!
    Seid lieb gegrüßt von
    Kathi

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