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2024 – Kurs Süd

Segeln im Mittelmeer im Jahr 2024 bedeutete für uns Umgang mit Wetterextremen wie Hitze, Sturm und Regen, wie wir das in diesen Regionen so noch nicht erlebt haben. Aber wir haben alles gut gemeistert und unsere Bora Bora II, ein Lagoon 42 Katamaran, hat sich als wirklich robust erwiesen.

Anfang Mai ging es mit dem Auto zu unserem nur knapp 6 Stunden entfernten Ausgangspunkt Pula in Kroatien. Dort hatte Bora Bora II im Wasser überwintert. Wir sind glücklich, sie auch nach einem guten halben Jahr in einem guten Zustand anzutreffen!

Marina Veruda – Liegeplatz Bora Bora II
Amphitheater in Pula

Die große entscheidende Frage war: Gilt das auch für den Skipper??? Christoph hatte sich im Dezember einer beidseitigen Knieoperation unterzogen (Gleitschienenprothesen). Nach längerem Krankenhausaufenthalt und monatelanger stationärer und ambulanter Reha wurden seine ersten Schritte aufwärts über die schmale Gangway  an Bord von der Co-Skipperin mit ziemlicher Anspannung beobachtet. Erfreulicherweise ging alles sehr gut und deswegen gaben wir schon nach wenigen Eingewöhnungstagen die Leinen los Richtung Venedig. Ein lang gehegter Traum wird wahr: Auf eigenem Kiel in die Lagune von Venedig!

Venedig

Wir sind überrascht, wie heftig dort die Gezeiten und die damit verbundenen Gezeitenströme wirken. Die Einfahrt in die superengen Häfen ist damit wirklich nicht trivial; letztlich finden wir einen superschönen Liegeplatz auf der Isola La Certosa.  Auf Grund eines Streiks fahren am 1. Tag die Vaporettos (Wasserbusse) zum Teil nicht und wir müssen viel laufen. Christophs Knie finden das noch gar nicht gut, Anpassung ist gefragt! Für die Biennale 2024 (internationale Kunstausstellung) müssen Prioritäten gesetzt und die Elektrocarts-Taxis genutzt werden, auch wenn wir uns damit ganz eindeutig in die Reihe der nicht mehr fitten Senioren einordnen müssen. Dennoch genießen wir die Tage in Venedig so sehr, dass wir unseren Liegeplatz zweimal verlängern.

Biennale 2024 in Venedig – Ausstellung zeitgenössischer Kunst

Zurück in Pula nehmen wir die Freunde Monika und Stefan für einige Tage an Bord und cruisen durch die Kvarner Bucht südlich von Istrien. Ruhiges Frühlingswetter begleitet uns, sodass wir die Segel eingerollt lassen.

Anfang Juni starten wir gen Süden, um das Boot von Kroatien nach Griechenland zu verlegen. Diesmal nehmen wir uns Zeit und bummeln die kroatischen Küsten entlang, denn auf unserem Törn 2023 von Spanien kommend hatten wir unter Zeitdruck nur wenige Punkte angelaufen. Wir besuchen alte Städte, berühmte Nationalparks wie die Kornaten und wunderschöne Inseln, auf denen jetzt im Juni alles blüht. Das Wetter zeigt sich meist fabelhaft, aber zuweilen auch launig mit heftigen Wetterfronten und Gewittern von Italien oder aus dem Norden. Auch kräftige Schlechtwetterfronten aus Südwesten ärgern uns und verzögern teilweise unseren Weg nach Süden. Die damit verbunden Winde drehen rasch und in den engen Buchten in Kroatien wird es zuweilen richtig spannend. Da gehen wir nachts dann doch lieber Ankerwache!

Fast überall in Kroatien ärgern uns die Bojenfelder. Die Bojen sind so raffiniert ausgelegt sind, dass Ankern oft nur im Tiefwasserbereich oder über schlecht haltendem Ankergrund möglich ist. Wir vertrauen aber unserem gut eingefahrenen Anker mehr als einer Boje, von der wir nicht wissen, wie solide das Bojengeschirr (Vertäuung und Mooringblock unter Wasser) ist. Bei den super eng ausgelegten Bojen bedeutet eine auf Drift gehende Boje während des Durchgangs einer Wetterfront eine zwangsläufige Kollision mit dem Bojenlieger dahinter. Dazu sind die Benutzungsgebühren mit 30 bis 70€ pro Nacht wirklich heftig!

Glücklicherweise ist noch Vorsaison, so dass wir meistens etwas abseits doch noch einen guten Ankerplatz finden. Und dass man mit dem Dinghi auch mal längere Distanzen überwinden kann, haben wir in der Karibik gelernt. Dass wir manchmal selbst für das freie Ankern zur Kasse gebeten werden, zeugt für uns vom inzwischen überaus kommerziellen Charakter Kroatiens. Marinas laufen wir mit unserem breiten Katamaran wirklich nur in Notfällen an, dann schlagen wirklich heftige Hafengebühren zwischen 150 und 200€ pro Nacht auf. Das Festmachen an den Stegen vor den Konobas (Buchtenwirten) ist zwar kostenlos und wirklich nett, dafür ist dann das Essen umso teurer.

Also insgesamt ist Kroatien wirklich schön, tolle Natur, traumhafte Buchten mit glasklarem Wasser, oft sehr gutes Essen und guter regionaler Wein, aber die Einschränkungen beim Ankern, die an den Hotspots schon in der Vorsaison massenhaften Charterboote, die gesalzenen Preise und die unverhohlene Absicht der Locals, Bootspeople abzukassieren, entspricht nicht unserer Vorstellung vom Leben an Bord.

Wir freuen uns, wieder nach Griechenland zu kommen. Die Einklarierungsgebühr beträgt schon mal 15 Euro im Gegensatz zum Kroatienpermit von 100€ und Touristentaxe von 600€!

Bora Bora II wird in der Cleopatra Marina in Preveza an Land gestellt, bis wir im September 2024 wieder kommen. In der Zwischenzeit lassen wir das Unterwasserschiff überholen und das Schiff einmal komplett polieren.

Die heißen und vollen Monate Juli und August verbringen wir zuhause. Ein abwechslungsreicher, schöner Sommer in den Bergen.

Im September geht es wieder los. Schiff und Skipper sind topfit! Dank intensivem Training und bester Therapeuten läuft Christoph schmerzfrei und besser denn je mit seinen neuen Knien. Auf geht es ins Ionische Meer!

Nordspitze Korfu

Nach einem schnellen ersten Erkundungsschlag gen Süden bis Zakynthos geht es rasch wieder gen Norden nach Korfu. Dort haben sich Sohn Jonas mit Partnerin Marthe und Enkelin Lotta für eine Woche an Bord angesagt. In Vorfreude hatte Oma schon die passenden Windelpakete und einen Klemmhochstuhl im Gepäck, Opa die kleinste sichere Schwimmweste bis 10 kg Körpergewicht! Aber es kommt anders als gedacht. Das Wetter wird richtig gruselig. Wir erleben eklige Frontensysteme mit Cyclonen (schnell drehendes Tiefdruckgebiet) mit heftigen Gewittern, Regen, Starkwind sowie Superböen und Wellen, die wie in der Nordsee hoch, kurz und steil sind. Beim Durchzug dieser Wettersysteme drehen dann Wind- und Wellenrichtung, wodurch eine zunächst gut geschützte Bucht zu einer offenen Bucht wird, in die Wind und Wellen voll reinpeitschen. Das ist dann nicht nur sehr ungemütlich, sondern auch gefährlich, weil das Schiff auf Legerwall ist und bei nicht haltendem Anker auf Land getrieben würde. In der geschützten Marina ist kein Platz zu ergattern, obwohl wir wirklich jeden Preis gezahlt hätten. Eindeutig keine Bedingungen für eine Crew mit einem gerade einjährigen Kleinkind! Schweren Herzens wird der Besuch abgesagt. Nach Nächten, die uns vor Anker richtig durchgeschüttelt haben, nehmen wir das nächste mögliche Wetterfenster und verholen uns Richtung Süden.

Cyclon (lokales, schnell drehenes Tief) – zieht über Kefalonia und Zakynthos

Vor dem Wind preschen wir unter kleinsten Segeln nach Süden Richtung Lefkas und Ithaka, dort gibt es geschützte Buchten. Und Bora Bora II zeigt, dass sie fast auch fliegen kann, wenn nur die Windrichtung stimmt und die Welle von hinten kommt. Wir ziehen unsere warmen Segelklamotten an und genießen die Rauschefahrt. Dass die Teetassen dann trotzdem auf dem Tisch stehen bleiben, ist ein noch ungewohnter, aber netter Nebeneffekt unseres Katamarans!

Weiter im Süden ist es mit dem stürmischen Wetter fast vorbei. In Lefkas kommen unsere Freunde Doro und Friedrich an Bord. Die absoluten Landratten brauchen zwar etwas Zeit zur Akklimatisierung, erweisen sich aber nach kurzer Zeit als begeisterte und einsatzfähige Crew.  Ein Flautentag rund um das geschichtsträchtige Ithaka wird genutzt, um für Enkelin Klara die griechischen Mythologie aufleben zu lassen: Odysseus ist am Mast gefesselt und schreit, während der Skipper das Schiff mit Wachs in den Ohren weiterführt, um es nicht – durch die verführerischen Klänge der Sirenen fehlgeleitet – auf die Klippen zu setzen.  

Seltsam ruhig wird es auf der Bora Bora, als die beiden wieder von Bord gehen. Wir erkunden die wenig besuchten Inseln nahe des Festlands im südlichen Ionischen Meer, gehen viel baden und genießen perfekte laue Abende in urigen Tavernen bei freundlichen griechischen Wirten. Oft wird das einfache, aber durchweg gute Essen vor unseren Augen zubereitet. Ganz entspannte Zeit für uns.

Stadthafen von Gaios auf Paxos, Bora Bora II direkt am Kai
Lefkas Westküste

Nur damit wir das launige Wetter des Sommers 2024 nicht vergessen, müssen wir noch einen ausgewachsenen Sturm vor Preveza abwettern, bevor wir das Schiff an Land kranen lassen. Die Front war rechtzeitig angekündigt, insofern war genug Zeit, einen wirklich guten Ankerplatz ausfindig zu machen und den Anker gut einzugraben. Viele Schiffe um uns herum verstauen alles, was fortgerissen werden könnte, unter Deck. Die Crews sind an Deck und warten. Die schwarze Sturmwalze kommt näher. Am frühen Vormittag beginnt der Affentanz.

Einige Schiffe näher an Land gehen auf Drift und wir beobachten die entsprechenden Umankermanöver. Bei uns und unseren unmittelbaren Nachbarn ist alles gut, die Anker halten sicher.  In einiger Entfernung beobachten wir einen Katamaran, auf den sich zwei Beiboote unter lautem Geschrei zubewegen. Auch auf den anderen Booten vor uns hören wir Geschrei und beobachten hektisches Hantieren mit den Fendern. Der Katamaran treibt in unsere Richtung und es scheint tatsächlich niemand an Bord zu sein. Wäsche zerrt an einer Leine und sogar ein Luk an Deck steht noch offen. Ist die Crew über Bord gefallen? Wir bringen die Fender aus, in der Hoffnung, dass der Blindgänger wie auch bei den Schiffen vor uns knapp an uns vorbeitreibt. Dem ist aber nicht so. Im letzten Moment erkennen wir, dass sich unsere Anker zweifellos verhaken würden und wir dann manövrierunfähig wären. Also Motoren an und Anker auf. Mehr als 60 m Kette müssen eingeholt werden; im letzten Moment heben wir unseren Anker unter seinem Anker raus. Natürlich knallen die Böen in diesem Moment besonders hart auf uns. Aber Bora Bora II reagiert auch bei diesen Bedingungen zuverlässig und wir verlassen unbeschadet unseren Ankerplatz, wenn auch unter Motorschüben mit Vollgas. Wir lassen den Blindgänger passieren und werfen danach an unserem alten Platz wieder den Anker. Der Sturm tost unvermindert um uns herum. So, das wars, denken wir. Motor aus. Klamotten aus. Jeder eine Büchse Bier und erstmal runterkommen. Es wird langsam dunkel. Es heult und heult. Da geht der Vordermann schräg vor uns auf Drift. Er ist offensichtlich alleine und versucht seinen Anker aufzuholen, dabei kommt er uns sehr nahe, auch wenn er uns wohl nicht trifft. „Brauchst du Hilfe?“, brüllen wir rüber. „Ja, bin alleine, habe Probleme.“ „Wir kommen“, schreien wir in den Wind.

Schnell lassen wir das Dinghi zu Wasser, was bei der herrschenden Welle eine Herausforderung ist. Angela bleibt für alle Fälle an Bord, Christoph fährt alleine rüber. Fast schmeißt der Wind das Dinghi um, weil die Böen unter den Bug greifen. Wellen spülen über. Irgendwie gelingt es, bei dem Fast-Havaristen fest zu machen und an Bord zu klettern. „Hi, nimm das Ruder und steuere das Schiff unter Motor in den Wind, ich versuch den Anker klar zu machen“, ist die knappe Anweisung. Es dauert alles eine Ewigkeit, denn das Ruder des alten Bootes lässt sich nur unter Einsatz von maximaler Kraft drehen; der Sturm wütet wirklich grässlich. Mittlerweile ist es stockfinstre Nacht. Schließlich gelingt es, den Anker einzuholen und wir drehen eine Runde durch das Ankerfeld, bis wir einen neuen Ankerplatz finden. Alles geht gut. Der Skipper dankt mit festem Handschlag und Christoph setzt über zur Bora Bora.

Der Sturm legt sich gegen 2 Uhr morgens. Am nächsten Morgen kommt der Eigner des treibenden Katamarans mit dem Dinghi vorbei und entschuldigt sich. Sie wären ja nur ganz kurz von Bord gegangen, meint er. Ein paar eindeutige Ansagen kann sich der Skipper der Bora Bora dann doch nicht verkneifen! Der Eigner hatte Glück im Unglück, weiter draußen in der Bucht hatte sich sein Anker an einem Felsen verhakt und er konnte mit dem Dinghi wieder an Bord kommen.

Nach einem Erholungstag geht es rüber in die Cleopatra-Marina. Klar Schiff machen und ab in den Kran! Jetzt steht das Schiff für den Winter an Land und wartet wie wir auf den nächsten Frühling.

Wir freuen uns auf das Leben an Bord 2025 und hoffen auf gute Segelwinde.

Euch allen wünschen wir ein gutes Neues Jahr.

CuA

1 reply »

  1. Sehr beeindruckend, euer Bericht ‼️‼️‼️👏👏👏👏👏 Wie oft hab ich euch beneidet  ( tollste Erlebnisse, Eindrücke ….. Venedig !!!!! … )   –  wie oft bedauert ( Pleiten, Pech und Pannen , Wetterkapriolen , gefährliche Situationen …. )   wie oft bewundert ( Mut, Zuversicht, Durchhaltevermögen….. ) ‼️ Ganz liebe Grüße   🌟🙋‍♀️🌟  von Ursel     Yahoo Mail: Suchen, organisieren, erobern

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